Die Appropriationsstrategien Italiens in Südtirol und dem Trentino nach dem Ersten Weltkrieg
Wie wurde der Stadtraum manipuliert, was wurde abgerissen und welche Art von Bauten, Straßen und Plätzen neu gestaltet? Wurde die spezifische Geschichte eines Ortes und seine historische Bausubstanz als Ausgangspunkt für ein neues Geschichtsbild im Sinne des Faschismus genutzt und inszeniert oder wurde vielmehr die Vergangenheit des Ortes negiert und architektonisch überschrieben?
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zerfiel die Österreichisch-Ungarische Monarchie in ihre territorialen Bestandteile. Dabei wurde auch das ehemals österreichisch-ungarische Kronland Tirol aufgeteilt. Mit Inkrafttreten des Vertrags von Saint-Germain am 16. Juli 1920 fielen Südtirol und Welschtirol (Trentino) an Italien, das damit einen Teil seiner Gebietsforderungen durchsetzen konnte und in den neuerworbenen Gebieten sogleich seine staatliche Souveränität zu entfalten begann. Mit der Studie Im Rahmen der Studie untersuchen Prof. Tragbar und Dr. Kossel die architektonischen und städtebaulichen Auswirkungen der staatlichen Neuordnung, indem sie die Appropriationsstrategien des italienischen Staates bzw. des faschistischen Regimes in diesen beiden Gebieten, die sich historisch, kulturell und vor allem sprachlich voneinander unterscheiden, herausarbeiten.
Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehen die öffentlichen Baumaßnahmen in den beiden überregional bedeutenden Städten Trient und Bozen sowie in den Nebenzentren Rovereto und Meran. Vor dem Hintergrund des staatlich forcierten Italianisierungsprozesses beider Territorien soll gezeigt werden, welche Planungs- und Baumaßnahmen mit welcher Intensität und Gewichtung in den jeweiligen Gebieten durchgeführt wurden und wie sie im überwiegend italienischsprachigen Trentino anders zum Ausdruck kamen als im überwiegend deutschsprachigen Südtirol. Im Fokus der Studie stehen die landesweit ausgeschriebenen Wettbewerbe, die das faschistische Regime Benito Mussolinis ab 1922 durchgeführt hat und bei denen Architekten wie Angiolo Mazzoni, Adalberto Liberas und Marcello Piacentini überaus erfolgreich waren. So werden Parteibauten (Case del Fascio), Bauten der faschistischen Jugendorganisation (GIL), Postämter, Mutterhäuser, Badeanstalten, Ossarien, Skulpturprogramme, Schulen, Museen, Memorialbauten, Sport-, Kultur- und Militäranlagen ebenso untersucht wie Kraftwerke, Bahnhöfe und Straßen. So griff der Staat gerade mit neuen Infrastrukturmaßnahmen in bestehende Strukturen ein und drückte unter dem Schlagwort der modernità den neuen Gebieten seinen Stempel auf.
So ähnlich die verschiedenen städtebaulichen und architektonischen Strategien des italienischen Staates in Südtirol und dem Trentino auch gewirkt haben mögen, so unterschiedlich waren sowohl die Rezeption als auch ihre Akzeptanz. Während sich das Trentino nahezu widerstandslos eingliederte und Trento als Hauptort ganz ähnliche Überformungen erfuhr wie viele andere italienische Städte in den 1920er bis 1940er Jahren, ist die Geschichte der ästhetischen Vereinnahmung in Südtirol vollkommen anders verlaufen. Auf den hier erfolgten Widerstand gegen die Baumaßnahmen reagierte der Staat mit einer drastischen Intensivierung seiner politisch motivierten Bauoffensive, so dass Südtirol zum Probelauf für die Italianisierung der afrikanischen Kolonien wurde.
Mit dem Projekt wird wissenschaftliches Neuland betreten, indem es einen vergleichenden Blick auf zwei Regionen wirft, die durch den Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit drastischen Veränderungen ausgesetzt waren, die nicht nur das urbane Gefüge betrafen, sondern auch das soziale und gesellschaftliche Umfeld. Zwar existieren in der kunst- und architekturhistorischen Forschung zahlreiche Studien zu Südtirol, jedoch wurde der aus historischer Perspektive naheliegende Vergleich mit dem Trentino und dessen sehr ähnlicher Ausgangslage bislang nicht vorgenommen. Statt einer rein quantitativen Dokumentation wird eine qualitative Analyse der staatlichen Bauten und Planungen vorgenommen: Wie wurde der Stadtraum manipuliert, was wurde abgerissen und welche Art von Bauten, Straßen und Plätzen neu gestaltet? Inwiefern trug die bildende Kunst im öffentlichen Raum zur Italianisierung bei? Wurde die spezifische Geschichte eines Ortes und seine historische Bausubstanz als Ausgangspunkt für ein neues Geschichtsbild im Sinne des Faschismus genutzt und inszeniert oder wurde vielmehr die Vergangenheit des Ortes negiert und architektonisch überschrieben? Darüber hinaus wird geklärt, wie das bauliche Erbe des Faschismus in der Nachkriegszeit rezipiert wurde und welche Rolle es heute hinsichtlich denkmalpflegerischer Fragestellungen spielt.