Funding Funded Projects „di Soddoma figliuol, non di Cupido“: Sprachen der gleichgeschlechtlichen Liebe im 15. Jahrhundert

„di Soddoma figliuol, non di Cupido“: Sprachen der gleichgeschlechtlichen Liebe im 15. Jahrhundert

Auch wenn Sodomie im rechtlichen und theologischen Diskurs eine weiter gefasste Kategorie ist, die neben dem homosexuellen auch den heterosexuellen Analverkehr sowie Geschlechtsverkehr mit Tieren bezeichnet, beziehen sich viele Texte des 15. Jahrhunderts mit diesem Begriff doch eindeutig auf Beziehungen zwischen Männern.

„Als Sohn Sodoms, nicht Cupidos“ („di Soddoma figliuol, non di Cupido“, V. 17) beschimpft ein Florentiner namens Niccolaio in einem Schweifsonett des 15. Jahrhunderts einen, der offenbar gleichgeschlechtlichen Sexualverkehr der heterosexuellen Liebe vorzieht. In einigen burlesken Gedichten und Gedichtsammlungen der Zeit werden „Soddoma“ und „soddomito“ regelmäßig eingesetzt, um sexuelle Praktiken zwischen Männern und jenen, die ihnen frönten, zu bezeichnen. Zugleich wird der Begriff in Rechtsdokumenten sowie in Predigten der Zeit verwendet, um ebensolche Praktiken als Sünde wider die Natur beziehungsweise als Straftat zu definieren.

Neben Dichtungen, die im Florenz des 15. Jahrhunderts entstanden und Sex zwischen Männern als zeitgenössi­sches Laster anprangern oder ridikülisierten, gehören auch einige Gedichte zum Genre der komisch-realistischen oder burlesken Dichtung, die verschlüsselt auf gleichge­schlechtliche Praktiken anspielen. Bis vor einigen Jahren ging die Forschung davon aus, dass „Sodomie“ in der Lyrik des 15. Jahrhundert einzig im Modus dieses Genres thematisiert worden sei. Erst neuere Forschung hat den Blick auf eine Vielfalt von Texten eröffnet, die andere lyrische Sprachen herausbil­deten, um sexuelles Begehren und Liebesgefühle zwischen Männern zu thematisieren.

Dr. Giusti stellt daher die unterschiedlichen lyrischen Sprachen der gleichgeschlechtlichen Liebe im 15. Jahrhundert, ihre Verwendung und ihre Funktionen erstmals in einem umfassenden Überblick und unter Rückgriff auf unerforschtes Material dar. Im Fokus stehen die zwei Dichter Marco Businello und Tommaso Baldinotti, die umfangreiche homoerotische Canzonieri verfassten. Die Untersuchung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die homoerotische Lyrik dieser beiden Autoren, sondern erstreckt sich auch auf ihre zahlreichen Korrespondenzsonette und auf den poetischen Austausch mit anderen Personen aus ihrem Umfeld. Mit diesem Ansatz leuchtet Dr. Giusti aus, wie homoerotisches Verlangen in den Diskurs innerhalb der Gemeinschaft einfließt und zu diesem beiträgt. Als anerkannt wird vorausgesetzt, dass gleichgeschlechtliche sexuelle Praktiken zu dieser Zeit in Venedig und Florenz weit verbreitet waren.

Die Arbeitshypothese des Projekts lautet, dass in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein homoeroti­scher poetischer Diskurs entstand, der nicht komisch-burlesk war und sich in einem Verhältnis des Austauschs und Konflikts mit anderen literarischen und nichtliterarischen Diskursen definierte, die im jeweiligen loka­len kulturellen und sozialen Kontext verfügbar waren: z. B. das einflussreiche Modell der Liebesdichtung in der Volkssprache von Petrarca, die lateinische erotische Dichtung, die gerade in der zweiten Hälfte des 15. Jahr­hunderts wiederentdeckt worden ist, oder zuletzt auch der juristische Diskurs zur Unterdrückung der Sodomie als sexuelle Praxis.

Der homoerotische lyrische Diskurs Businellos und Bal­dinottis tendiert, über das darin zum Ausdruck gebrachte Begehren, in der Tat dazu, Homoerotik von homosexuellen Praktiken abzugrenzen. Es geht also um eine Aushandlung darüber, was gleich­geschlechtliches Begehren bedeutet, das – im Medium der Lyrik – in Auseinandersetzung mit dem rechtlichen und dem theologischen Diskurs der Zeit stattfindet. Punktuell kommt es dabei zu Positionierungen, die dem modernen Verständnis von Homosexualität (im Sinne der sexuellen Orientierung und der Identitätskomponen­te) erstaunlich nahe sind.

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