DH-Stelle des Verbundprojekts „Netzwerke der Nonnen“
Im Archiv des Benediktinerinnenklosters Lüne sind als eine exzeptionelle und bislang kaum berücksichtigte Quelle drei Briefbücher überliefert, die Briefe von und an Frauen aus den Jahren ca. 1450-1550 umfassen.
Die Briefsammlung stellt mit knapp 1.800 Briefen eine der umfangreichsten bekannten Briefsammlungen dar. Die Edition dieser Briefe wird eine spätmittelalterliche Briefkultur wieder ans Licht bringen, die neben der zeitgleichen humanistischen, den frühneuzeitlichen Gelehrtenbriefen und den Fürstenbriefwechseln zu Unrecht fast vollständig in Vergessenheit geraten ist.
Die Brieftexte setzen mit der Bursfelder Reform des Frauenkonvents 1481 ein, als die Frauen durch die Wiedereinführung der strengen Klausur gezwungen waren, die Kommunikation mit der Außenwelt praktisch ausschließlich mit der Feder zu führen. Die spezielle Situation der strikten räumlichen Trennung der geistlichen Frauen von der Laiengesellschaft durch die Klausur führte im 15. Jahrhundert zu einer Professionalisierung und Intensivierung der schriftlichen Verwaltungsführung und Kommunikation in den Frauenklöstern. Die Briefe sind in Latein, Niederdeutsch und in einer charakteristischen Mischung beider Sprachen abgefasst und erhellen insbesondere die Jahrzehnte des Umbruchs der Reformation, also das Ringen der Lüner Frauen und benachbarter Gemeinschaften mit dem Herzog um die konfessionelle Ausrichtung und die monastische Lebensform. Die Erschließung des Gesamtkorpus der Lüner Briefsammlung ermöglicht es, die vielfältigen und weit gespannten Kommunikationsnetzwerke, in die die Lüner Nonnen eingebunden waren, vollständig zu erfassen und ihre Sprachkompetenzen und -gewohnheiten, Bildung und Diskurse zu analysieren.
Der europäisch einmalige Bestand wird seit 2017 durch ein interdisziplinäres und international zusammengesetztes Team sprachlich und inhaltlich erschlossen, digital aufbereitet und kritisch ediert. Die Briefe des ersten und ältesten Briefbuchs (Hs. 15), eine umfassende Einleitung in historische, theologische, linguistische und technologische Fragen sind bereits vollständig digital einsehbar und parallel in der Druckvorbereitung. In der letzten Phase des Gesamtprojekts werden nun die beiden Briefbücher Hs. 30 (907 Briefe; 1499-1550; Korrespondenz mit laikalen Verwandten, politischen Verantwortlichen und den Nachbarkonventen) und Hs. 31 (ca. 415 Briefe; 1487-1531; im wesentlichen Korrespondenz mit Nachbarkonventen) digital erschlossen und kommentiert. Die Edition wird digitale Faksimiles der Handschriften sowie Grundinformationen zu den einzelnen Briefen (u. a. Datum, Empfänger, Adressat, Bibelzitate) enthalten. Der Editionstext selbst wird sowohl in einer diplomatischen, zeilengenauen Fassung als auch in einer Lesefassung angezeigt. Die digitale Edition der Lüner Briefbücher wird sodann mit anderen digitalen Plattformen und Briefsammlungen (z. B. Early Modern Letters Online, Oxford; correspSearch) verlinkt. Schließlich werden weitere Auswertungs- und Visualisierungsmöglichkeiten wie Netzwerkanalysen und geographische Informationssysteme (Kartendarstellung) in die digitale Plattform implementiert.
Die digitale Edition wird an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel gehostet.