Devotion to Baby Jesus in the Medieval Tradition of Female Religiosity
Ziel des Forschungsprojekts ist die systematische Analyse der mittelalterlichen Verehrung des Jesuskindes in der Tradition weiblicher Religiosität.
Viele religiöse Texte belegen, dass es in mittelalterlichen Frauenklöstern eine intensive, leidenschaftliche und „körperliche“ Verehrung des Jesuskindes gab. Dabei stellten sich die Ordensfrauen in ihren Gebeten, „Visionen“ und religiösen Zeremonien nicht nur vor, das Jesuskind („leibhaftig“) zu sehen oder zu berühren, sondern drückten ihre Verehrung auch durch die Verwendung von kunstvoll geschmückten „heiligen Puppen“ und aufwendig gestalteten Wiegen aus. Einer der bekanntesten Fälle ist der der deutschen Dominikanerin Margaretha Ebner, die von ihrem Beichtvater Heinrich von Nördlingen eine Wiege für ihre „heilige Puppe“ des Jesuskindes (Kloster Maria Medingen, ca. 1344) erhielt. Darüber hinaus berichten die Quellen, dass deutsche Dominikanerinnen eine spezielle Klosterzelle als Kinderzimmer für das Christuskind einrichteten, die sie mit Wiege, Laken, Kinderbett, Decken, Windeln und anderen Gegenständen ausstatteten.
In mehreren Fällen behaupteten religiöse Frauen sogar, dass sie das Jesuskind in ihrem Schoß getragen und geboren hätten, vor allem in der Weihnachtsnacht, und damit den Platz der Jungfrau Maria eingenommen hätten. Beispiele dafür sind die deutschen Mystikerinnen Lukarda di Oberweimar (gest. 1309) und Christina Ebner (gest. 1356). Ähnliche Episoden finden sich im Leben anderer Ordensfrauen wie Ida de Léau (gest. 1273), Angela da Foligno (gest. 1309), Brigitte von Schweden (gest. 1373) und im weniger prominenten Leben der Sarner Ordensfrauen.
Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprogramms werden Texte (u. a. Hagiographien, mystische Texte, Andachtsbücher), ikonographische Quellen und Andachtsgegenstände (paratextuelle Bilder, Fresken, Puppen, Wiegen, Kinderaussteuer) sowie andere Objekte, die mit dem Kult des Heiligen Kindes in Verbindung stehen (z. B. Kleider, Perücken, Vasen und Miniaturschalen) untersucht. Neben der systematischen Kartierung, die darauf abzielt, die verschiedenen Arten von Ikonographien zu beschreiben, durch die das Jesuskind dargestellt wird (Herz, Koralle usw.), werden auch die verschiedenen Materialien analysiert, die für die Herstellung der Objekte verwendet wurden, die von sehr traditionellen – Holz, Glas, Kreide, Wachs – bis hin zu eher „exotischen“ – Tannenzapfen, Orangen, Moos, Zeder, Walnüsse, Quitten etc. – reichten.
Abschließend wird der Kult der „heiligen Puppen“ und der „(Christ-)Kindelwiegen als mittelalterliche Frömmigkeitsform theologisch (als Symbol für die Kirche und die Menschwerdung Gottes, Bernhard von Clairveaux) interpretiert, historisch (als Vorläufer späterer Weihnachtskrippen und Krippenspiele) eingeordnet sowie anthropologisch („Trösterlein“-Statuetten für Novizinnen als eine Form sublimierter Mutterschaft) gedeutet.
Übergreifendes Ziel des Projekts ist es, die Andachtspraxis der Verehrung des Jesuskindes in weiblichen Ordensgemeinschaften des Mittelalters und der frühen Neuzeit auf einer breiten Materialbasis (u. a. Gebetstexte, Liturgie-Bücher, Hagiographien, theologische Schriften, Bilder, Devotionalien) umfassend zu untersuchen.