Funding Funded Projects Der Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum in den Zentralalpen am Beispiel des Karwendels

Der Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum in den Zentralalpen am Beispiel des Karwendels

Die neolithische Revolution markiert den Wandel von nomadischen Jäger- und Sammlergesellschaften hin zu sesshaften Bauernkulturen. Diese im Fruchtbaren Halbmond beginnende Entwicklung lässt sich auf ihrem Siegeszug durch Europa archäologisch gut nachvollziehen, wobei der Forschungsstand regional stark variiert. Während die Neolithisierung etwa im Donauraum oder im rheinischen Braunkohlerevier umfassend erforscht wurde, ist die Ausbreitung des Ackerbaus im Alpenraum bislang kaum berücksichtigt worden.

Um diese Forschungslücke zu schließen, beleuchtet Dr. von Nicolai im Rahmen dieser Studie am Beispiel des Karwendelgebirges den Übergang zur Sess­haftigkeit im Alpenraum auf der Grundlage ausführlicher Voruntersuchungen zum Thema. Dieses zwischen Deutschland und Österreich gelegene Gebiet ist reich an natürlichen Ressourcen wie Holz, Jagdwild, Erzen, Salz und Gestein und weist mit der 2016 entdeckten Fund­stelle am Lalidersalm-Hochleger (Bezirk Schwaz, Tirol) bedeutende Funde und Radiokarbondaten aus dem Meso- und Neolithikum auf. Da auch ortsfremde Mate­rialien entdeckt wurden, wird nun geklärt, welche Fernkontakte über die Alpen bis ins nördliche und südli­che Voralpenland während der Jungsteinzeit existierten. Da die Frage nach den möglichen Transportwegen über bestimmte Routen, Pässe oder Wasserläufe mit traditio­nellen archäologischen Methoden bisher nur unzu­reichend beantwortet werden konnte, wendet Dr. von Nicolai eine neue Methodik an, orientiert an Studien zu den Bewegungsmustern mesolithischer Jägergruppen. Funde wie die Eismumie „Ötzi“ und zahl­reiche Steinartefakte haben gezeigt, dass das Hochge­birge bereits vor über 5000 Jahren keine unüberwind­bare Barriere mehr darstellte. Allerdings ist bislang wenig über die Organisation dieser Nord-Süd-Kontakte und die bevorzugten Routen bekannt. Ausgehend vom Karwendel werden nun die wichtigs­ten transalpinen Verkehrsverbindungen des Mesolithi­kums und Neolithikums rekonstruiert. Besonders viel­versprechend erscheint dabei die Analyse von Materia­lien wie Silex, Hartgestein, Bergkristall sowie bestimm­ten Pflanzenarten, marinen Schnecken und Korallen, deren Herkunft mithilfe archäometrischer Methoden bestimmt werden kann.

Dr. von Nicolai befasste sich bereits mit dem östlichen Teil des Alpen­bogens sowie dem zirkumalpinen Raum in der Zeit vom Mesolithikum bis zum späten Neolithikum (9500–4000 v. Chr.). Auf der Mikroebene werden die Ausgrabungen nun im Karwendel an der mesolithisch-neolithischen Fundstelle Lalidersalm-Hochleger fortgesetzt. An diesem Fundort lassen sich Fernkontakte und Mobilität der dort lagernden Menschen anhand der Zusammensetzung der Steingeräte aus lokalen sowie aus nord- und südalpinen Gesteinsrohmaterialien exemplarisch rekonstruieren. Ergänzend zu den Ausgrabungen und der Rohmaterial­analyse der Steingeräte werden naturwissenschaftliche Un­tersuchungen an menschlichen Überresten, Tierknochen, Holzkohlen und Mollusken zur Bestimmung der Umwelt­bedingungen durchgeführt.

Auf der Mesoebene wird die bestehende Datenbank der im nördlichen und südlichen Alpenvorland verbreiteten alpinen Artefakte hinsichtlich der Verbreitung und der Nutzungsarten dieser Objekte ergänzt und ausgewertet. Mit Blick auf die Makroebene werden schließlich die topographisch günstigen Durchgangsrouten und Pässe, die vom nördlichen Voralpenland in die Zentralalpen und nach Norditalien führen, unter Berücksichtigung der Ein­zel- und Depotfunde entlang der Routen untersucht (Siedlungen, Gräberfelder und andere Fundstel­len).

Die Hypothese lautet, dass mit zunehmender Entfernung zur Rohmateriallagerstätte die Wahrscheinlichkeit sinkt, Rohknollen und unmodifizierte Abschläge zu finden, während der Anteil an Halbfertig- und Fertigprodukten (Klingen) steigt.

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