Der Simrock-Boisserée-Nachlass. Quellen und Forschungen zur Geschichte der deutschen Hüttenverbände (1350-1563)
Die Edition dieses unpublizierten und weitgehend unbeachtet gebliebenen Quellen- und Manuskriptmaterials verspricht eine Reihe neuer Erkenntnisse zur Kunst- und Architekturgeschichte, zur Wissenschaftsgeschichte sowie zur Geschichte des vorindustriellen Handwerks.
Im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassikstiftung Weimar wird der Nachlass des Dichters und Philologen Karl Joseph Simrock (1802–1876) aufbewahrt. Er umfasst originale Urkunden, Akten und weitere Aufzeichnungen zum mittelalterlichen Steinmetzhandwerk und Bauwesen, darunter auch eine Reihe unbekannter Quellen, u.a. das Magdeburger Bruderbuch von 1514, zwei Briefe des Ulmer Münsterpfarrers Neithardt (1465), eine Planzeichnung für den Glockenstuhl des Ulmer Münsters, verschiedene Urkunden zum Kölner Dombau (1296-1357), der Anstellungsbrief Jörg Syrlins für die Fertigung des Hochaltars des Ulmer Münsters (1474), das Bewerbungsschreiben des Freiburger Parliers Erhard vom Hof nach Straßburg (1509) und der Ulmer Werkmeistervertrag des Georg Winkler (1518). Neben den Originaltexten finden sich im Nachlass auch neuzeitlich beglaubigte Abschriften von verlorenen bzw. verloren geglaubten Originalquellen sowie Teiltranskriptionen von größtenteils unbekannten Quellen.
Das Konvolut wurde von Johann Christian Ehrmann (1749–1827), Sulpiz Boisserée (1783–1854) und Karl Simrock zusammengetragen, drei Persönlichkeiten, die sich um die Entwicklung der architekturgeschichtlichen Disziplinen sehr verdient gemacht haben. Nach dem Tod Boisserées, der sich in die Geschichte der deutschen Steinmetzhütten eingearbeitet und das Aktenmaterial aufwändig kommentiert hatte, hat sich Simrock erfolglos darum bemüht, den Urkunden- und Aktenbestand zusammen mit den Forschungsergebnissen Boisserées zu publizieren. Nunmehr wird der wissenschaftliche Schatz im Archiv der Klassikstiftung Weimar endlich gehoben und die nachgelassenen Quellen im Rahmen der Studie für einen Sammlungskatalog – Buch und Datenbank – transkribiert, kommentiert und ediert (rund 2000 Seiten). Dabei werden die jeweiligen Provenienzen geklärt, im Falle von Abschriften das Vorhandensein zugehöriger Originale geprüft und die inhaltliche Bedeutung der Schriftstücke für die Geschichte des Bauhandwerks herausgearbeitet. Zudem wertet Prof. Bürger das Nachlassmanuskript mit seinen Kommentierungen und Redaktionsanweisungen als Forschungsleistung des 19. Jahrhunderts aus und würdigt die Rolle der einzelnen Quellen für diese historiographische Gesamtleistung.
Die Edition dieses unpublizierten und weitgehend unbeachtet gebliebenen Quellen- und Manuskriptmaterials verspricht eine Reihe neuer Erkenntnisse zur Kunst- und Architekturgeschichte, zur Wissenschaftsgeschichte sowie zur Geschichte des vorindustriellen Handwerks. Bei der Untersuchung stehen somit drei Forschungsfelder im Mittelpunkt des Interesses: Im Rahmen der Provenienz- und Quellenforschung soll gezeigt werden, welche sachlichen Informationen sich dem Konvolut hinsichtlich der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Bauorganisation entnehmen lassen, woher die Quellen stammen, in welchen Entstehungskontext sie einzuordnen sind und wie sie in den Bestand des Simrock-Boisserée-Nachlasses gelangten. Mit Blick auf die Wissenschaftsgeschichte geht Prof. Bürger der Frage nach, wie die vormaligen Bearbeiter des Konvoluts die Quellen methodisch ausgewertet haben und vor welchem historischen Forschungshintergrund das Material zur Publikation vorbereitet wurde. Um die Quellen für die Kunst-, Architektur- und Künstlersozialgeschichte fruchtbar zu machen, wird darüber hinaus geklärt, welche neuen Aussagen sich vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Kenntnisstandes machen lassen: Wie können die Quellen mit dem aktuellen Forschungsstand in Beziehung gesetzt werden und welche neuen Erkenntnisse ergeben sich für die Geschichte der deutschen Bauhüttenverbände?