Der naturphilosophische Lebensbegriff bei Kant, Schelling und Hegel im Kontext umweltphilosophischer/-ethischer Debatten der Biozentrik, Biodiversität und Biophilie
Im Rahmen des Forschungsvorhabens untersucht Dr. Oswald den naturphilosophischen Lebensbegriff bei Kant, Schelling und Hegel und stellt ihn in den Kontext umweltphilosophischer und -ethischer Diskurse der Biozentrik, Biodiversität und Biophilie.
Im ersten Forschungsabschnitt werden die ontologischen, methodischen und systematischen Voraussetzungen des naturphilosophischen Lebensbegriffs in Kants Transzendentalphilosophie, Schellings Identitätsphilosophie und Hegels spekulativer Philosophie erarbeitet. Dabei geht Dr. Oswald von der Hypothese aus, dass der naturphilosophische Lebensbegriff bei Kant, Schelling und Hegel einen elementaren Bestandteil ihrer philosophischen Systeme darstellt und vor dem Hintergrund zweier Grundbegriffe erklärt werden kann: dem Begriff der „Idee“ und dem Begriff des „Begriffs“.
Bei Kant lässt sich der Lebensbegriff anhand der Unterscheidung von „bestimmenden“ und „reflektierenden“ Urteilen erklären. Wie jeder andere Begriff, so ist auch der Lebensbegriff an eine sich in Urteilen artikulierende Synthesisstruktur gebunden. Anders als bei bestimmenden Urteilen, in denen das Allgemeine als Subsumptionsregel für das Besondere bereits vorliegt, wird in reflektierenden Urteilen das Allgemeine am und mit dem Besonderen allererst gedacht. Urteile dieser letzten Klasse lösen das Teil-Ganzes-Verhältnis auf, indem sie das Ganze (qua Allgemeines) als intrinsisches Moment des Teils (qua Besonderes) begreifen. Auf diese Weise wird die Idee als eine alles Besondere um- und übergreifende Idee erzeugt. Der Gedanke einer organischen Natur ist (als äußerliche Repräsentation vorgestellt) eine direkte Konsequenz dieser auf Vollständigkeit und Vollendung abzielenden Idee.
Bei Schelling ist der Lebensbegriff eine direkte Konsequenz seines Ideenbegriffs, wie er sich in Form von Potenzen erklären lässt. In ihm werden zwei Extreme
– Subjektivität und Objektivität – in kontinuierlichen Akten vermittelt. Das Resultat dieser Vereinigung ist eine wechselseitige Anreicherung des subjektiven Extrems mit Objektivität und des objektiven Extrems mit Subjektivität. Die zunehmende Ausdifferenzierung der Idee anhand ihrer Extreme stellt ein abstraktes begriffliches Grundgerüst bereit, das über komplexe, weil Differenz inkludierende, Einheitsformen verfügt und das prozessual entwickelt wird. In diesem Sinn denkt Schelling den Inbegriff der Natur immer als Naturprozess, der sich grosso modo in drei Prozesse binnendifferenzieren lässt: den physikalischen, den dynamischen und den organischen Prozess.
Bei Hegel ist der Lebensbegriff eine Konsequenz der „Erkenntniß des logischen Satzes“. Sie ist Hegels „Formel“ für das rein begriffliche Denken und gibt Auskunft über Hegels gesamte spekulativ-philosophische Theorie. Das spekulative Begreifen setzt bei einer Subjekt-Prädikat-Relation an, löst diese aber asymmetrisch zugunsten einer Aufhebung des Subjekts ins Prädikat auf und schafft auf diese Weise – analog zu Schelling – einen komplexen, weil Differenz inkludierenden, Einheitsbegriff. Die Konsequenz eines solchen begrifflich angereicherten Denkens, das sich in zunehmend komplexere Formen überführen lässt, ist zunächst einmal der Gedanke der logischen Idee, der die Domäne des reinen Denkens markiert. Sie steht synonym für den gesamten in der spekulativen Logik entwickelten Begriffsapparat, den es in der Realphilosophie am Vermittlungszusammenhang mit dem Begriff der Äußerlichkeit aufrecht zu erhalten gilt. Dem Lebensbegriff weist Hegel einen systematisch hohen Stellenwert zu, wenn er die begriffliche Ausdifferenzierung seiner Logik im Begriff der Idee kulminieren lässt und dabei das Leben als das erste Moment der Idee definiert.
Im zweiten Forschungsabschnitt wird der naturphilosophische Lebensbegriff (transzendental-, identitäts- und spekulativ-philosophischer Prägung) in den Kontext der aktuellen umweltphilosophischen/-ethischen Forschung gestellt und an drei Diskussionsbeispielen zur Anwendung gebracht: der Biozentrik, der Biodiversität und der Biophilie.
Appliziert auf die Biozentrik bedeutet dies zum Beispiel, dass der naturphilosophische Lebensbegriff anhand von umweltphilosophischen bzw. -ethischen Positionen, wie sie speziell im Rahmen des Inklusionsproblems vertreten werden, konkretisiert wird. Im Zentrum steht dabei die Ausarbeitung von Strategien zur Lösung des Inklusionsproblems. Die erste Strategie kann bei der methodischen Unterscheidung zwischen einem „moderat-holistischen“ (Schelling, Hegel) und einem „anthropozentrischen“ Lösungsvorschlag (Kant) des Inklusionsproblems, die zweite Strategie beim „Interessensbegriff“ und seiner „Unterscheidung in schwache und starke Interessen“ ansetzen. Mit beiden Strategien ließen sich – so Dr. Oswald – Argumente für sentientische und biozentrische (bzw. zoo- und genozentrische) Positionen ausfindig machen, unter welche die naturphilosophischen Theorietypen subsumiert werden sollen. Appliziert auf die Biodiversität wird versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, welchen Wert natürliche Entitäten für den Menschen (oder gar an sich) haben und wie ein solcher Wert philosophisch zu rechtfertigen ist. Appliziert auf die Biophilie wird u. a. untersucht, ob bzw. bis zu welchem Grade die Naturphilosophie dem Menschen als „animal rationale“ eine intrinsisch affirmative Beziehung zur Natur zugesteht und ob die Biophilie-Hypothese als Idee auch empirisch abgesichert werden kann.