Delegation in Early Modern Rhetoric and Drama
Phänomene von Delegation, Vertretung oder Ersetzung prägen die menschliche Zivilisation grundlegend und seit ihren Ursprüngen; das Rechtswesen ist ohne sie undenkbar. Speziell im Gesamtwerk von Hans Blumenberg (entstanden zwischen den 1940er- und den 1990er-Jahren) wird Delegation immer wieder als zentrale Ermöglichungsbedingung von Kultur verstanden, wenngleich keine eigene Studie Blumenbergs dazu existiert.
Dr. Mayfield will nun Blumenbergs verstreute Aussagen zum Nexus von Delegation und Kultur synoptisch aufnehmen und als Heuristik nutzen, um damit in fünf wirkmächtigen frühneuzeitlichen Texten sowohl die Bandbreite von Delegationsphänomenen als auch ihre von Blumenberg angenommene Fundierungsleistung näher zu beleuchten. Instrumentell werden dafür auch Anregungen aus Rechtswesen, Politik(wissenschaft), Philosophie, Anthropologie und Theologie aufgegriffen.
Als Korpus werden v. a. dramatische oder dialogische Texte gewählt, denn sie bilden verdichtet soziale Kontexte ab, in denen Delegation auch in der Realität relevant ist; zudem unterhält das Drama – qua Darstellung menschlichen Handelns – eine besondere Affinität zur Delegation (δρᾶμα, griech. ‚Handlung‘; ‚agency‘ bedeutet im Englischen sowohl ‚Handlungsfähigkeit‘ als auch ‚Vertretung‘). Herangezogen werden Werke aus fünf Sprachen und dem Zeitraum des 14.-17. Jahrhunderts: Francesco Petrarcas lateinischer Dialog „Secretum“, Francisco de Rojas‘ spanische „Tragicomedia de Calixto y Melibea“/„Celestina“, Niccolò Machiavellis italienische „Mandragola”, Michel de Montaignes französische „Essais” und Shakespeares englisches Stück „Measure for Measure“.
Auf abstraktester Ebene geht es um drei grundlegende Fragen: Weshalb akzeptieren Menschen überhaupt, dass jemand für andere einsteht? Welche Delegationsformen sind in frühneuzeitlicher Rhetorik und Literatur feststellbar (Bitte, Befehl, Bevollmächtigung, Fürsprache, etc.)? Warum wird delegiert (eigene Absenz, höhere Erfolgsaussichten oder größere Kompetenz bei einem anderen, Selbstentlastung, Abschieben von Verantwortlichkeit, ‚Sündenbock‘ etc.)?
Neben Aspekten der Quantität (quid, quam magnum et quam multum sit) und unterschiedlichen Graden von Ausdrücklichkeit oder von Meta-Reflexionen werden dabei qualitative Fragen beleuchtet: Unter welchen Umständen wird delegiert? Wer profitiert davon? Als Detailfragen kommen u. a. hinzu: Geschieht eine Delegation von Anfang an intentional oder eher zufällig? Wird sie ggf. ex post umgedeutet? Was bedeutet das für die Wirksamkeit des Mechanismus? Unterstreichen die Autoren das Problemlösungspotential oder die Risiken der Delegation?