Creating Schubert’s „Die Winterreise“ in Performance with Dietrich Fischer-Dieskau
Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ hat die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Künstlerinnen und Künstlern gefesselt, seit der Komponist Josef von Spaun zur Vorpremiere der Vertonungen von Wilhelm Müllers Texten 1827 eingeladen hatte.
Ob die erste Voraufführung alle vierundzwanzig Lieder des Zyklus enthielt oder nicht, ist angesichts der unterschiedlichen Datierung der beiden Notizbücher vom Februar (Lieder 1-12) und Sommer (Lieder 13-24) 1827 Gegenstand anhaltender Debatten. Wenn moderne Interpreten „Die Winterreise“ aufführen, erwartet das Publikum in der Regel den Vortrag von 24 Liedern, gemäß der Reihenfolge, in der sie in der Partitur erscheinen. In ähnlicher Weise stellen Forschung und Gesangslehrerinnen und Gesangslehrer den Zyklus stets als ein einheitliches Ganzes vor, ohne darauf hinzuweisen, dass im 19. Jahrhundert andere Konventionen des Vortrags galten. So war es bis Mitte der 1940er Jahre üblich, den Zyklus in verkürzter Form zu präsentieren; bei Aufnahmen wurden Liedstrophen gestrichen, weil die Möglichkeiten der damaligen Aufnahmetechnik beschränkt waren. Welche Akteure dabei maßgebend waren und wie die Aufführung in vollständig-einheitlicher Form zur gängigen Praxis wurde, ist in der Forschung bislang noch nicht ausreichend untersucht worden.
So wie Schuberts Komposition die Gattung des Liederzyklus nachhaltig prägte, so hatte der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau einen wesentlichen Einfluss auf deren musikalische Interpretation. Die Tatsache, dass er den gesamten Zyklus zwischen 1948 und 1990 mehr als vierzehnmal aufgenommen hat, verleiht ihm eine einmalige Stellung in der Aufführungsgeschichte des Werks. Neben den zahlreichen Aufführungsaufnahmen hat Fischer-Dieskau auch durch seine Mitarbeit an der kritischen Ausgabe der „Winterreise“ die Rezeptionsgeschichte maßgeblich geprägt. Mit der Studie möchte Dr. Neumann nun zeigen, wie Fischer-Dieskaus zahlreiche Einspielungen des Zyklus und der damit einhergehende Diskurs über das Werk dazu beigetragen haben, die pastiche-orienierte Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts zu überwinden und den Liederzyklus stets als einheitliches „Werk" vorzutragen.
Ausgangspunkt der Studie ist die Audiodatenanalyse von Fischer-Dieskaus aufgenommenen Aufführungen der „Winterreise“, in denen sich seine kreative, technische und interpretatorische Entwicklung ablesen lässt (1948-1990). Dabei werden die Forschungsstandards der Music Encoding Initiative (MEI) nutzbar gemacht. Es handelt sich um eine Open-Source-Initiative, die u. a. eine Aufzeichnungssprache entwickelt hat, die Musikdokumente in maschinenlesbaren Strukturen darstellen kann. Im ersten Arbeitsschritt wird eine MEI-Version der „Winterreise“ erstellt, um ein breites Spektrum musikalischer Dokumente, Autographen, Notationen und Strukturen im MEI-Schema formalisieren und vergleichbar machen zu können.
In der zweiten Arbeitsphase werden diese Audiodateien dann analysiert und kommentiert. Im Ergebnis wird so ein grundlegender Datensatz von Timing-Daten erstellt, aus dem sich ausdrucksstarke Merkmale ablesen lassen können und die zeigen, wie Fischer-Dieskau Tempo, Dynamik, Klangfarbe in jeder seiner Aufnahmen steuerte.
Im Anschluss daran wird die Rezeptionsgeschichte von Fischer-Dieskaus zahlreichen Aufführungen der Winterreise aufgerollt, ausgehend von einem zu erarbeitenden Korpus, bestehend aus internationalen Zeitungsrezensionen, Branchenmagazinen und Interviews. Die abschließende Auswertung und Darstellung alter und neuer Quellen verspricht einen neuen Blick auf Fischer-Diskaus Aufführungspraxis, seine musikwissenschaftliche Arbeit und seine pädagogische Autorität.