Corpus Relectum (CoRel): The Hittite Laws between Past and Present
Die Forschung zum hethitischen Textkorpus konzentriert sich auf eine Reihe bronzezeitlicher Keilschrifttexte aus der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša, die zum sogenannten hethitischen Rechtskorpus gehören und in zwei Serien unter den Katalognummern CTH 291 und CTH 292 organisiert sind. Sie behandeln ein breites Spektrum zivil- und strafrechtlicher Angelegenheiten, darunter Eigentumsrechte, Körperverletzungen, Ehe, Erbschaft, Sklaverei, Diebstahl und Gewaltdelikte, und stellen das erste in einer indoeuropäischen Sprache verfasste Rechtskorpus dar. Jeder Rechtsfall folgt einer zweiteiligen Struktur: einer Protasis, eingeleitet durch die Konjunktion takku („wenn“), die den Sachverhalt beschreibt, und einer asyndetisch oder konjunktional angeschlossenen Apodosis, die die Rechtsfolge festlegt.
Für beide Serien sind althethitische Originalmanuskripte erhalten, die eine Datierung der Komposition mindestens ins 16. Jahrhundert v. Chr. erlauben und eine kontinuierliche Texttradition bis ins 13. Jahrhundert v. Chr. bezeugen. Bedeutsam ist zudem, dass beide Serien wiederholt auf ältere Regelungen verweisen, die im Laufe der Zeit modifiziert wurden. Diese internen Bezugnahmen auf rechtliche Veränderungen bilden ein inhaltliches Element von unzweifelhafter chronologischer Tiefe und gewähren unmittelbaren Einblick in normative Entwicklungsprozesse. In Verbindung mit den paläographischen Befunden und der vorliegenden junghethitischen Tafel mit zahlreichen inhaltlichen Modifikationen erweist sich die gezielte Untersuchung dieses Korpus als besonders ertragreich. Das Ineinandergreifen von Textentwicklung, Schreiberpraxis und Rechtsreform unterstreicht den historischen Wert der hethitischen Gesetze und legitimiert einen detaillierten, korpusspezifischen Forschungsansatz.
Aufbauend auf einer früheren Forschungsphase zu CTH 291 konzentriert sich Prof. Torri nun auf CTH 292 und führt beide Gesetzeskorpora in einen systematischen Vergleich. Ziel ist es, auf Grundlage aller bekannten Manuskripte aus türkischen und Berliner Sammlungen eine umfassende kritische Digitaledition der hethitischen Gesetze beider Serien zu erarbeiten. Durch paläographische und lexikalische Analysen werden die zeitliche Entwicklung rechtlicher Formulierungen, Terminologieverschiebungen und die Überlieferungsgeschichte untersucht. Dies dient einerseits dazu, eine zuverlässige Edition bereitzustellen und das hethitische Rechtsdenken in seinem politischen, kulturellen und sozialen Kontext zu rekonstruieren, andererseits einen neuen Interpretationsrahmen zu entwickeln, der über traditionelle, von modernen Rechtsbegriffen geprägte Ansätze hinausgeht.