Carissa Aurelia und das Tal des Guadalete: Eine Stadt- und Regionalstudie zur antiken Stadtgeschichte im südlichen Andalusien
Im spanischen Hinterland von Cádiz liegt das in der Antikenforschung bislang nur wenig beachtete Tal des Guadalete.
Die ursprünglich von den iberischen Turdetani im 6./5. Jahrhundert v. Chr. gegründete Höhensiedlung Carissa Aurelia, die ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. erst unter punische und zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. dann unter römische Herrschaft kam, hat zu den bedeutendsten Städten des Tals gehört. Eine zunehmende Orientierung der Bevölkerung an Rom durfte aber wohl erst am Übergang zur Kaiserzeit erfolgt sein, als Carissa durch seine nun einsetzende Getreide-Überschussproduktion Teil der globalisierten römischen Welt wurde. Zahlreiche Oberflächenfunde innerhalb des Stadtgebiets, darunter Importkeramik sowie Marmor- und Granitfragmente aus dem Mittelmeerraum, belegen eine stark gestiegene Kaufkraft und eine zunehmende Monumentalisierung des Stadtbildes.
Alle diese Aussagen beruhen auf kursorischen Einzelbeobachtungen und werden im Rahmen des Projekts kritisch hinterfragt. Bislang kann zudem nur vermutet werden, dass Carissa in der Übergangszeit zum frühen Mittelalter verlassen und im Folgenden – mit Ausnahme einer kleinen hochmittelalterlichen Befestigung auf der Akropolis – nicht mehr besiedelt wurde; heute dient der grasbewachsene Bergrücken als Viehweide und ist als archäologische Schutzzone ausgewiesen. Ausgehend von dem chronologischen Schwerpunkt der Befunde in der klassischen Antike (6./5. Jahrhundert v. bis 4./5. Jahrhundert n. Chr.) werden auch davorliegende und spätere Zeitstufen, bis zum Ende des Mittelalters, berücksichtigt, um so eine gesamtheitliche Betrachtung dieser Mikroregion in der ‚longue durée‘ ermöglichen und die Ergebnisse im größeren Kontext der Baetica bewerten zu können.
Mit Blick auf die langfristige Entwicklung der Stadt erarbeitet das Projektteam zunächst einen differenzierten Stadtplan und führt flächendeckende geochemische Bodenanalysen durch, um funktionale Aktivitätszonen innerhalb des Stadtgebietes identifizieren zu können. Um genauere Einblicke in städtebauliche Prozesse gewinnen zu können, werden an ausgewählten Punkten des Stadtgebiets gezielte stratigraphische Sondagen durchgeführt. Auf der Grundlage eines extensiven Surveys (Radius 17 km um die Stadt) und eines intensiven Surveys innerhalb eines 5 km breiten Transekts, die durch geophysikalische Prospektionen und Bohrungen an ausgewählten Fundstellen ergänzt werden, werden Landnutzung, Siedlungsentwicklung und Ressourcenausbeutung des Umlands rekonstruiert. Mit Hilfe der zu erwartenden Dichte an Daten werden Zahl, Größe, Datierung und Typologie der erfassten Fundstellen bestimmt und die Nutzungsänderungen im Wandel der Zeit nachvollzogen. Unter Berücksichtigung der naturräumlichen Gegebenheiten wird geklärt, wo naturräumliche Ressourcen (Ton, Stein) abgebaut und welche landwirtschaftlichen Nutzungsstrategien verfolgt wurden. Fragen zu Anbauprodukten und lokaler Viehzucht werden im Zusammenhang mit den innerstädtischen Grabungen und der archäobotanischen und archäozoologischen Auswertung der Fundproben beantwortet.
Bei der wirtschaftshistorischen Einordnung Carissas und seines Umlandes werden die gesammelten Artefaktgruppen, insbesondere die Keramiken, mit Blick auf die lokale, regionale bzw. überregionale Herkunft analysiert, Warenwege und Konsumverhalten rekonstruiert und die Rolle Carissas als zentraler Ort mit Markt- und Dienstleistungsfunktion bestimmt. Zuletzt geht es darum, die kulturhistorische Entwicklung der ursprünglich iberischen Bevölkerung unter dem phönizischen bzw. römischen Einfluss auf der Grundlage der materiellen Kultur zu untersuchen, wobei die Bestattungskultur anhand der bereits freigelegten, aber nie systematisch ausgewerteten Abschnitte der Nord- und Südnekropole erforscht und sowohl die städtebauliche als auch die technische Entwicklung im Spannungsfeld iberischer, punischer und römischer Traditionen analysiert werden. Darüber hinaus werden anhand von lokalen Konsummustern und Konsumpraktiken (u. a. Ernährung) die sich wandelnden Kulturbezüge der Einwohnerschaft nachgezeichnet.