Funding Funded Projects Briefkultur im englischen 17. Jahrhundert

Briefkultur im englischen 17. Jahrhundert

In der Epoche der ‚Englischen Restauration‘ – hier als Zeit von 1660 bis 1710 gefasst – führten gelockerte Zensurbedingungen und progressiv verbesserter Urheberschutz zu einer neuen Blüte der Literarkultur. Eine Vielzahl von Zeitschriften entstand, die junge Druckkultur erbrachte eine Flut von Briefstellern und Briefe wurden – ventiliert auch durch die Einführung der Penny Post 1680 – zu einem immer breiter genützten Kommunikationsmittel.

Prof. Bayer möchte heraus­arbeiten, wie Briefe im Kultur- und Medien­kontext des 17. Jahrhunderts gesehen wurden. Er lässt sich dabei von folgen­dem Thesengerüst leiten: Im Untersuchungs­zeitraum standen die Entwicklung der Briefkultur und Fragen von Wahrhaftigkeit und Wahrheit in enger Ver­bindung und beeinflussten einander wechselseitig. Dabei galt der Brief jedoch – so eine der Zentralthesen – noch nicht wie später im 18. Jahrhundert als Medium von Authentizität und un­mittelbarer Selbstaussage der Innerlichkeit, son­dern vielmehr als Kommunikationsform, die besonders geeig­net war für Fiktionalisierung und Täuschung: da sie vor­mals ungekannte Formen von Selbststilisierung, Ano­ny­mität oder fiktive Identitäten ermöglichte, zudem in ihrer Materialität und Zeitverzögerung manipulierbar war etc. So entzündeten sich exemplarisch an der Briefkultur Re­flexionen über das (Erkenntnis-)Potential mediati­sierter oder literarischer Kommunikation und im Weite­ren über die Beziehung zwischen Zeichen und Realität. Der expe­rimentelle Umgang mit dem Medium Brief leistete einen wesentlichen Beitrag zum ästhetischen Pano­rama des 17. Jahrhunderts und bereitete dem Roman im engli­schen 18. Jahrhundert den Boden.

Ausgehend von der Frage, wie sich das Wahrheitskonzept beim Über­gang von einer bislang v. a. mündlichen zu einer domi­nant schriftlichen Kultur veränderte, möchte Prof. Bayer zeigen, wie Fragen nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu zentralen Topoi und Chiffren des Weltwissens in der Restauration werden.

In einem zweiten Projektteil wird ähnlich gelagerten Fragen v. a. an­hand eines damals jungen Medienphänomens nachgegangen: nämlich der zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitschrift „The Athenian Mercury“ (1691-1697; z. T. auch „The Question Project“ oder „The Casuistical Mer­cury“ betitelt). Diese Gazette setzte erstmals auf Leser­briefe als zentrales Geschäftskonzept: Leser – explizit auch weibliche – wurden dazu animiert, verschiedenste wissenschaftliche, persönliche, religiöse und andere Fra­gen einzusenden. Die Zuschriften wurden abgedruckt und in Folgeausgaben von einem ‚Experten-Gremium‘, der sog. „Athenian Society“, beantwortet. Hieran werden v. a. die Mechanismen zur Schaffung von Wahr- bzw. Glaubhaftigkeit in den Briefen beobach­tet (rhetorische Strategien, Bezugnahmen auf zeitge­nössische autoritative Diskurse, etwa die Naturwissen­schaften oder Publikationen der Royal Society etc.) und dabei Brieftheorien und -praktiken des gesamten Kultur- und Medienkontextes mitberücksichtigt.

Weitere The­menschwerpunkte sind das Ver­hältnis der Journale zur mündlichen Kultur der „coffee houses“; der Beitrag der Zeitschriften, speziell des „Athenian Mercury“, zur Schaffung neuer Kultursektoren, die auf dem geschrie­benen Wort und der Briefform ba­sierten; intertextuelle Bezugnahmen des „Mercury“ auf andere Literatur (ka­suistische Handbücher etc.); sein Verhältnis zu anderen Zeitschriften, etwa „The Gent­leman‘s Journal“ (1692-1694), das in Form von fiktiven Briefen an einen auf dem Land lebenden Adligen präsen­tiert wurde, oder zu anderen Journalen, die das erfolg­reiche Geschäftsmodell kopierten; die Rezeptionsge­schichte der Briefidee, etwa in „The Review“ von Daniel Defoe (1704-1713), der seine journalistische Karriere bei Dunton begann, oder in anderen Gattungen, speziell die Weiterentwicklung des Briefes und seiner Formen der Ich-Thematisierung bis in den Roman des 18. Jahrhunderts etc.

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