Augustins Predigten zum Ersten Johannesbrief (De epistula Iohannis ad Parthos sermones decem). Kritische Edition des lateinischen Textes
Ziel des Projekts ist es, die Johannesbriefpredigten des Kirchenlehrers Augustinus (354–430 n. Chr.) erstmals in einer kritischen Edition vorzulegen und der künftigen Forschung damit eine verlässliche Textfassung zur Ver¬fügung zu stellen, die auf der Evidenz der spätantiken und mittelalterlichen Handschriften beruht und dem ursprünglich mündlich-improvisierten Charakter der Predigten Rechnung trägt.
Augustins Predigten zum neutestamentlichen Ersten Johannesbrief (De epistula Iohannis ad Parthos sermones decem), die wahrscheinlich in der Osteroktav und um Himmelfahrt des Jahres 407 n. Chr. gehalten wurden, sind ein zentraler Text für das Verständnis seiner Theologie und Ethik der Liebe (caritas) und ein herausragendes Beispiel für seine mündlich vor einem Gemeindepublikum in Predigtform vorgetragene Exegese.
Aufgrund einer vollständigen Kollation der ältesten erhaltenen Zeugen bis ins 9. Jahrhundert sowie einer repräsentativen Auswahl späterer Handschriften konnte die Überlieferungsgeschichte bereits in ihren Grundzügen rekonstruiert und ein vorläufiges Stemma entworfen werden. Dabei ist eine deutliche Tendenz bereits der frühmittelalterlichen Überlieferung zu Tage getreten, die mündlichen Züge von Augustins Predigt durch redaktionelle Eingriffe zugunsten der Form eines schriftlichen Kommentars zu reduzieren, als der die Johannesbriefpredigten im Mittelalter offenbar rezipiert worden sind. Elemente der Mündlichkeit – Ellipsen, Anakoluthe, Redundanz, auch vulgärlateinisches Vokabular – sind schon in Handschriften des 9. Jahrhunderts häufig korrigiert worden. „Bereinigte“ Fassungen dieses Typs waren dann die Grundlage der frühneuzeitlichen Druckausgaben bis hin zur (unzureichenden) Patrologia Latina des 19. Jahrhunderts, in deren Version die Predigten bis heute meistens benutzt werden.
Die Neuausgabe soll demgegenüber anhand der ältesten und von redaktioneller Überarbeitung weitgehend freien Traditionen den Text rekonstruieren, der der ursprünglichen Predigt Augustins mutmaßlich am nächsten kommt. Die Textausgabe wird nach klassisch-philologischer Methode auf der Grundlage der 20 bis 30 wichtigsten Handschriften erstellt und im textkritischen Apparat über die aussagekräftigen Varianten dieser Zeugen Rechenschaft geben. Sie soll als Buch und/oder E-Book in der Reihe Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) erscheinen.
Flankierend zu der Arbeit an der Edition entsteht eine Datenbank, die – mittelfristig – alle 260 Handschriften der Johannesbriefpredigten enthalten und nach bestimmten relevanten Gesichtspunkten – Epoche, Position in der Überlieferung, exemplarische Kollation, auch Vorhandensein eines frei zugänglichen Digitalisats – erschließen soll. Damit wird ein Instrument geschaffen, das zur Überprüfung der Datengrundlage der Edition, zu weiterer textkritischer und überlieferungsgeschichtlicher Forschung zu den Johannesbriefpredigten und auch als Materialbasis für die Erforschung von deren mittelalterlicher Rezeption dient.