Ascribing Individual Responsibility in the Aftermath of Collective Violence and Repression. Interpretations of Criminal Proceedings in Post-Communist Romania
Wie beeinflusst individuelle Schuld in Gerichtsurteilen die Narrative über kollektive Gewalt und Repression in einer Gesellschaft?
Die Aufarbeitung von Diktaturen und Unrechtsregimen erzeugt gesellschaftliche Narrative, die primär in Gerichtsverfahren ihren Ausdruck finden. Prof. Buckley-Zistel zufolge schreiben Gerichte damit aktiv Geschichte. Ob Gerichtsurteile allerdings die Interpretation einer Gesellschaft auf ihre gewalttätige Vergangenheit beeinflussen, und wenn ja wie, ist eine oft diskutierte Frage.
In der soziologischen und politikwissenschaftlichen Literatur wird kritisch gefragt, ob die Verurteilung individueller Straftäter vom Systemcharakter eines Unrechtsregimes ablenke. Diktaturen zeichneten sich eben dadurch aus, dass eine große Anzahl von Personen in unrechtmäßige Handlungen involviert sei. Die Verurteilung lediglich (einiger) ranghoher Vertreter eines Staates könne dadurch über die moralische Verantwortung einer sehr viel größeren Personengruppe hinwegtäuschen und die Aufarbeitung eines Unrechtsregimes erschweren.
Vor diesem Hintergrund möchte Prof. Buckley-Zistel folgende Forschungsfragen beantworten: Wie wird individuelle Verantwortlichkeit von Gerichten nach Zeiten gemeinschaftlicher Repression und Gewalt zugeschrieben? Wie verhält sich dies zu Fällen von Verantwortlichkeit für vergangene Gewalt und noch vorhandene Repressionen in einer Gesellschaft? Damit soll die übergeordnete Frage beantwortet werden, ob, und wenn ja wie, Gerichte historische Narrative beeinflussen.
Im Rahmen des Projekts wird in einer Einzelfallstudie Rumänien in der postkommunistischen Phase fokussiert. In Rumänien gab und gibt es noch immer Gerichtsverfahren, die vergangenes Unrecht aufdecken und ehemalige Straftäter anklagen. Die Transitionsphase wird in Rumänien besonders kontrovers diskutiert, da 1989 in einigen wenigen Prozessen ehemalige Führer direkt verurteilt und exekutiert wurden; allerdings ist die Aufbereitung der Diktatur darüber hinaus teils nur halbherzig oder von politischen Erwägungen beeinflusst worden.
Die Analyse umfasst zwei Ebenen. Zunächst werden bislang abgeschlossene Gerichtsurteile untersucht, deren Gerichtsunterlagen unter anderem im Archive of the Territorial Tribunal of Bucharest (ATMTB) oder im Archive of the Appeal Bucharest Military Court (ACMAB) einsehbar sind. Zu diesem Komplex werden einige ergänzende Interviews geführt.
Um die Wirkung von Narrativen zu untersuchen, werden in einem zweiten Schritt vier gesellschaftliche Gruppen analysiert: Opfer, Straftäter, ehemalige Studenten sowie ehemalige Sympathisanten des Regimes.
Ergänzend zu den vier Personengruppen wird auch der offizielle Diskurs über Gerichtsverfahren analysiert. Hier werden Schulbücher, Regierungsdokumente, die Darstellung in Museen und andere öffentlich zugängliche Materialien in den Blick genommen.
Hauptziel ist es zu verstehen, wie individuelle Schuld in Gerichtsurteilen die Narrative über kollektive Gewalt und Repression in einer Gesellschaft beeinflusst.