Artikulation von Sprache und „Rasse“ in der frühen Afrikanistik in Bild, Ton und Text
Anliegen des Projekts ist die kritische Untersuchung der Praktiken der frühen Afrikanistik und ihrer Vorläufer. Dies erfolgt auf der Grundlage musealer Sammlungsbestände, Archivalien und afrikanistischer kanonischer Literatur. Historische akademische Grundlagen der Produktion von Wissen und Terminologien, deren Aufarbeitung heute nicht nur für die Afrikanistik dringlich ist, sondern auch in öffentlich geführten Debatten eine Rolle spielen, werden als Bestandteil gesellschaftlicher Probleme benannt. Die Untersuchung setzt zu Beginn des 19. Jahrhunderts an, einem arbiträr gewählten Zeitpunkt.
Für das Projekt spielt der Zusammenhang zwischen Anatomie des Schädels und Sprachforschung eine zentrale Rolle: Die ehemals synästhetischen Ansätze der Sprachforschung, welche Verbindungen von Sprachen und Anatomie und/oder Rassenkonzepten anhand von Klängen, Bildern, Objekten und Texten konstituiert hatten, wurden aufgrund der musealen Ordnung der Sammlungen nach Disziplinen oder nach Medientypen verwischt. Die Objekte verkamen damit zu marginalen Archivalien, denen kaum wissenschaftstheoretisches Potential für die Geschichte der Sprachforschung in Afrika zugemessen wurde. Das gegenwärtige Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte und die damit verbundene erkenntnistheoretische Auseinandersetzung mit der vermeintlich anatomischen Verbindung zwischen Sprache und „Rasse“ ermöglicht nun die wissenschaftliche Annäherung an diesen Themenkomplex.
Da sich die frühe deutschsprachige Afrikanistik besonders der Erforschung von Sprachen im südlichen Afrika widmete und diese Sprachen lange als Archiv für die evolutionäre Entwicklung der Menschheit behandelt wurden, wird in diesem Projekt die Untersuchung der Sprachforschung auf das südliche Afrika in der Periode zwischen 1800 und 1945 bezogen.
Weiterhin wird die historische Artikulation, dass Sprache und „Rasse“ zusammen gedacht werden, aufgebrochen, indem nicht nur die Texte der Forscher analysiert, sondern diese in einem größeren Kontext betrachtet werden. Das Wirken der Forscher hinsichtlich kolonialer Forschungspraktiken wird eingehend untersucht. Dabei verspricht die Einbeziehung der materiellen und archivalischen Hinterlassenschaften der deutschen Sprachforschung im südlichen Afrika, bestehend aus Bildern, Klangkonserven und Objekten, eine Erweiterung des Verständnisses asymmetrischer Forschungspraktiken sowie theoretischer Forschungsannahmen.
Vier einflussreiche Forscherpersönlichkeiten wurden ausgewählt, um deren Arbeiten zu untersuchen und diese genealogisch aufeinander zu beziehen. Es handelt sich um die Forschungen, Texte und Objektsammlungen von Hinrich Lichtenstein (1880-1857), Wilhelm H.I. Bleek (1827-1875), Dorothea Bleek (1873-1948) und Carl Meinhof (1857-1944), die an der Konstruktion von Rassemodellen unter Einbeziehung von Südafrikanern gearbeitet hatten.
Ausgewählte Objekte, die im Zusammenhang mit den linguistischen Forschungen von Lichtenstein, Bleek, Bleek und Meinhof stehen, werden rückverbunden und detailliert untersucht. Fotographien und Tonaufnahmen werden in Bezug auf ihre Medialität, visuelle Aussagekraft, materielle Beschaffenheit sowie bezüglich ihrer historischen Zirkulation und Nutzung für die universitäre Lehre analysiert. Untersuchungen von menschlichen Überresten werden dabei lediglich anhand von Dokumentationen, Abbildungen und Beschreibungen unternommen.