Architectura Orientales. Die Bauornamentik der frühchristlichen Basilika von Doliche (Südosttürkei)
Gegenstand der Untersuchung ist die inzwischen freigelegte frühchristliche Basilika in Doliche (40 km vom Euphrat entfernt), eine im Südosten der heutigen Türkei gelegene antike, ursprünglich seleukidische Stadt (300 v. Chr.), die im 4. Jahrhundert n. Chr. eine neue Blütezeit erlebte, u. a. auch als Bischofssitz. Die in dieser Zeit errichtete Basilika ist durch ein Erdbeben (7. Jahrhundert n. Chr.), die Stadt hingegen durch die Seldschuken (1156 n. Chr.) zerstört worden.
Die zahlreichen Bauglieder der Basilika, die z. T. noch in Versturzlage im Bereich der Kirchenschiffe aufgefunden wurden, ermöglichen aufgrund der unterschiedlichen Formensprachen erstmals einen repräsentativen Einblick in die regionale Architekturgeschichte vom späten 4. bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. Im Rahmen der Vorarbeiten konnten die Materialaufnahme und der Katalog der Architekturglieder und Dekorfragmente aus dem Grabungsareal des Keber Tepe/Doliche (825 Fundstücke) abgeschlossen und verschiedene Architekturglieder in Einzelaufsätzen vorgestellt werden. Mit dieser Studie schließt Dr. Oenbrink nun daran an, einen regionalen Formenkatalog und ein chronologisches Gerüst der verschiedenen Bauglieder und Dekorformen zu erstellen, lokale Besonderheiten und überregionale Gemeinsamkeiten durch typologische Vergleiche mit Architekturformen aus den unmittelbar angrenzenden Landschaften Nordsyriens und Kleinasiens herauszuarbeiten und die Bauornamentik Doliches im Kontext der nordsyrischen Architekturentwicklung darzustellen.
Im ersten Schritt werden Architekturglieder und Bauornamentikfragmente chronologisch erfasst, um die während des Bauvorgangs gefertigten Bauglieder von den wiederverwendeten Spolien aus älteren Architekturkontexten Doliches unterscheiden zu können. Da das zeitgleiche Auftreten ungleicher Formen oft mit verschiedenen Werkstätten aus unterschiedlichen Regionen verbunden ist, werden die Funde mit spätantiken Architekturdekoren der unmittelbar angrenzenden Landschaften Nordsyriens verglichen (Antiochene, Apamene, südliche Euphratesia etc.), darüber hinaus werden die Funde mit Baudekoren der weiter entfernt liegenden kleinasiatischen und syrischen Gebiete verglichen (Kilikien, Mesopotamien, Palmyrene), um Transfer- und Transformationsaspekte in der nördlichen Euphratesia herauszuarbeiten.
Darauf aufbauend wird die Bauornamentik Doliches und der nördlichen Euphratesia im Hinblick auf Material, Motivrepertoire und konstruktive Verwendung untersucht, um regionale Besonderheiten bzw. überregionale Gemeinsamkeiten festzustellen. Zudem werden weitere spätantik-frühbyzantinische Architekturglieder und -fragmente anderer Fundorte in der Umgebung (Perrhe, Ehneş, Halfeti) sowie Einzelfunde in unterschiedlichen Museumssammlungen einbezogen, um anhand motivischer und stilistischer Vergleiche ein umfassendes Bild der spätantiken Bauornamentik der nördlichen Euphratesia zu zeichnen.
Der dritte Schwerpunkt liegt auf der Rekonstruktion der Architekturfragmente und Baudekore, wobei Dr. Oenbrink u. a. die Vielzahl an kleinen Akanthusblattfragmenten und Eckvolutenfragmenten rekonstruieren und im Zusammenhang mit den komplett erhaltenen Baugliedern darstellen möchte. Es geht darum, die ursprüngliche Position der unterschiedlichen Kapitellformen zu bestimmen, Aufbau und Gestaltung der unterschiedlichen Kapitellformen korinthischer Ordnung zu erfassen und die Säulenordnung der Mittelschiffkolonnaden nachzuvollziehen. Auf der Grundlage der zusammengeführten Erkenntnisse kann dann die Architekturausstattung ganzheitlich rekonstruiert und der Innenraum der Basilika von Doliche visualisiert werden.