Funding Funded Projects AfD-Anhänger im Kontext sozialer Ungleichheiten. Eine milieuvergleichende Studie zu den Ursachen rechtspopulistischer Mobilisierung

AfD-Anhänger im Kontext sozialer Ungleichheiten. Eine milieuvergleichende Studie zu den Ursachen rechtspopulistischer Mobilisierung

Für den Aufstieg der rechtspopulistischen AfD in Deutschland bestehen diverse Erklärungsansätze, die nach Ansicht von Prof. Koppetsch allerdings häufig zu kurz greifen, da sie eine binäre Teilung in Anhängerschaft und Nichtanhängerschaft vornehmen. Mit diesem Forschungsprojekt nimmt Prof. Koppetsch daher eine ergebnisoffene qualitativ-rekonstruktive Untersuchung unter den Anhängern der AfD vor. Ziel ist die Rekonstruktion der lebensgeschichtlichen und milieuspezifischen Entstehungsbedingungen rechtspopulistischer Orientierungen.

Der Begriff des Rechtspopulismus wird als Ausgangs­punkt als Weltanschauung eines Akteurs, einer Bewe­gung oder Partei definiert, die durch Nativismus, Anti-Pluralismus und Anti-Elitismus gekennzeichnet ist. Ein solch vereinfachtes Verständnis soll durch die geplante Forschungsaktivität vertieft und präzisiert werden.

Der theoretische Ansatz stützt sich auf die Diskussion bestehender Erklärungsansätze:

Gemäß der Moderni­sierungsverlierer-These liegt die zentrale Ursache für den Aufstieg des Rechtspopulismus seit den 1990er-Jahren in den USA und Europa in den zunehmenden sozio-ökono­mischen Ungleichheiten. Die ‚Verlierer‘ der Modernisie­rung fänden sich insbesondere unter der räumlich ge­bundenen Arbeiterschaft. Diese These ist allerdings em­pirisch wenig belegt. Die Anhängerschaft der Rechtspo­pulisten stammt gerade auch aus mittleren und oberen gesellschaftlichen Schichten.

Die Backlash-These sieht die Erosion der traditionellen Identitätsbezüge durch die Globalisierung als Auslöser der rechtspopulistischen Bewegungen. Teile der Bevöl­kerung würden daher zu rückwärtsgewandten kulturellen Orientierungen neigen. Prof. Koppetsch zufolge muss diese Grundthese durch die sozialen Bedingungen, so die Milieuzugehörigkeit, spezifiziert werden, um zu erklären, welche Teile der Bürgerschaft dies sind.

Schließlich erklärt die Postdemokratie-Hypothese die po­litische Entfremdung bestimmter Wählergruppen durch die gesunkenen demokratischen Partizipations­möglich­keiten zugunsten neoliberaler Politikgestaltung. Diese These kann laut Prof. Koppetsch jedoch nicht die Frage beantworten, weshalb die ideologische Haltung rechts- und nicht linkspopulistisch ausgerichtet ist.

Im Milieuansatz sieht Prof. Koppetsch eine sinn­volle Ergänzung der bestehenden Erklärungsansätze, da dieser den sozialen Kontext von Einzelpersonen erfasst. Als Milieu werden Aggregate von Personen mit ver­gleichbaren sozialstrukturellen Lagen, Habitus und Le­bensstilen verstanden. Milieus zeigen somit Verbindun­gen zwischen Lebenslagen und kulturellen Aspekten der Lebensführung.

Der theoretische Ansatz verknüpft die Klassen- und So­zialtheorie Pierre Bourdieus mit einer biographisch-le­bensgeschichtlichen Perspektive. Drei Grundannahmen rechtfertigen diesen theoretischen Ansatz. Zum einen besteht für die Mobilisierung für die AfD nicht nur eine, sondern eine Fülle von Ursachen. Zum anderen wirken sich Lebenslagen durch milieuspezifische Deutungen auf die politische Weltanschauung aus. Zudem sind politische Ideologien im milieuspezifischen Habitus sozi­alstrukturell verortet. Vorpolitische Haltungen beeinflus­sen also politische Einstellungen.

Um diese Komplexität der Wechselwirkungen zu erfassen, wird methodisch das biografisch-narrative Interview mit problemspezifischen Nachfragen gewählt. Die Nachfra­genkomplexe betreffen die Hintergründe der Hinwen­dung zur AfD, die Auswirkung der Parteizugehörigkeit auf Freundschaften, Familie, Beruf und Freizeitgestal­tung. Zudem werden Themenbereiche angesprochen, die das politische Selbst- und Gesellschaftsverständnis be­rühren.

Insgesamt werden 30 Interviews mit Unterstützern der AfD an vier Orten in Deutschland geführt, so in Darm­stadt, Frankfurt, der Rhein-Main-Region und Branden­burg. Ziel ist es, eine Typologie aus den 30 Fällen abzuleiten, die die Rolle der Milieuunterschiede erfasst.

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