Absichtsbildung und Habitualisierung – Übergänge zwischen Verhalten und Handeln. Phänomenologische Analysen
Im Rahmen des Forschungsprojekts werden die Transformationen von Verhalten in Handeln sowie von Handeln in Verhalten untersucht. Im Zentrum steht dabei die Analyse von Phänomenen, die sich weder eindeutig als bloßes Verhalten noch als klarer Fall eines Handelns klassifizieren lassen, sondern als Übergangsphänomene zwischen Verhalten und Handeln zu verstehen sind.
Prof. Mertens nimmt an, dass in solchen Übergängen Prozesse der Absichtsbildung und der Habitualisierung eine wesentliche Rolle spielen. Er verfolgt ein philosophisches Anliegen, insofern er versucht, die in der philosophischen Erörterung zumeist voneinander getrennten Diskussionen über die Sphäre des absichtlichen bzw. willentlichen Handelns einerseits und des bloßen Verhaltens andererseits miteinander zu vermitteln. Dabei dienen die insbesondere in der phänomenologischen Philosophie entwickelten Überlegungen zur Intentionalität des Verhaltens als Ausgangspunkt der Analyse und begrifflichen Explikation der Phänomene des Übergangs zwischen Verhalten und Handeln.
Die Vermittlung zwischen einer philosophischen Handlungstheorie und einer Philosophie des Verhaltens knüpft an Überlegungen an, wie sie im Zusammenhang der Kritik des handlungstheoretischen Standardmodells, der phänomenologischen Untersuchung der leiblichen Intentionalität sowie der Analyse des Phänomens der Aufmerksamkeit ausgeführt worden sind.
Die gegenwärtige philosophische Handlungstheorie versteht unter einer Handlung ein Verhalten, das von einer oder mehreren Absichten konstituiert wird. Absichten werden dabei genauer verstanden als Gründe für ein entsprechendes Verhalten. In dieser Orientierung setzt die philosophische Handlungsanalyse bereits bestimmte Absichten voraus. Was aus konzeptionellen Gründen durchaus sinnvoll ist, erweist sich jedoch in phänomenaler Perspektive als ergänzungsbedürftig. Denn auf diese Weise geraten die Prozesse aus dem Blick, in denen Absichten und die mit ihnen verbundenen Handlungen entstehen und sich formen bzw. sich in einem unabsichtlichen Verhalten wieder auflösen. Die skizzierte Kritik kann sich auf unterschiedliche Ansätze berufen, in denen sich grundlegende Korrekturen der handlungstheoretischen Standardauffassung abgezeichnet haben. Stichwortartig seien in diesem Zusammenhang genannt: die zunehmende Berücksichtigung der Kontexte und Motive des Handelns, die Einbeziehung der sozialen Dimension des Handelns, die Auseinandersetzung mit der Kreativität des Handelns sowie die Hervorhebung der Bedeutung des Akteurs.
Ein wichtiger Bezugspunkt der philosophischen Untersuchung der Übergänge zwischen Verhalten und Handeln ist dabei die Analyse der Leiblichkeit des Verhaltens. Die kritisierte handlungstheoretische Standardauffassung vernachlässigt nämlich die in der phänomenologischen Tradition und neuerdings im Enaktivismus herausgestellte eigentümliche Intentionalität des Verhaltens zu Gunsten einer einseitigen Betonung der spezifischen Intentionalität des Handelns im engeren Sinne der Absichtlichkeit. Demgegenüber bietet der phänomenologische Begriff der Intentionalität als Gerichtetsein die Möglichkeit, eine intentionale Struktur im leiblichen Verhalten zu erfassen, die für das Verständnis der Genese bewusster und expliziter Absichten ebenso wie für deren Auflösung in eine Verhaltensdisposition (Habitualisierung) vorausgesetzt werden muss.
Darüber hinaus ist die Analyse der Aufmerksamkeit für die systematische Betrachtung sowohl der Absichtsbildung als auch der Habitualisierung entscheidend. Aufgrund der unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstrukturen lassen sich einerseits die Übergänge von den basalen Formen des Verhaltens, bei denen die Zielgerichtetheit nicht die Form einer expliziten Absicht hat, zu den komplexeren Formen, bei denen ein noch nicht präsentes Ziel als Absicht vergegenwärtigt wird, analysieren. Andererseits ist die Aufmerksamkeit und deren Wandel auch ein Kriterium, um den Übergang von Handlungen, die von expliziten Absichten geleitet sind, in habitualisiertes Verhalten zu untersuchen.
Eine zentrale Hypothese der Arbeit ist, dass in beiden Richtungen des Übergangs sowohl eine Verhalten und Handeln übergreifende Struktur der Intentionalität des leiblichen Verhaltens als auch Modifikationen einer spezifischen, von praktischen Interessen geleiteten Aufmerksamkeit auf die fragliche Situation eine entscheidende Rolle spielen.
Um Phänomene der Absichtsbildung und Habitualisierung angemessen zu verstehen, sind sowohl die Kontinuitäten als auch die Diskontinuitäten zwischen Verhalten und Handeln zu bedenken. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer theoretischen Vermittlung zwischen den in der Philosophie in der Regel getrennt voneinander entwickelten Theorien des Verhaltens und des Handelns.