Abbilder einer Gesellschaft – Felskunst im Norden der Omanischen Halbinsel vom Neolithikum bis zur Gegenwart
Ein Teil der Bilder wird durch die lokale Bevölkerung mit Hilfe einer speziell für diesen Zweck entwickelten App als Bestandteil eines Citizen Science-Projekts dokumentiert.
Im Norden der Omanischen Halbinsel lassen sich Tausende von Felsmalereien nachweisen, darunter Reiter mit Pferden, Kampf- und Jagdszenen, Schiffe, Becherabdrücke und verschiedene Tiere. Anders als in Süd-Oman oder Jemen gibt es hier vergleichsweise wenige frühe und späte arabische Inschriften, sodass die aus dem Felsen herausgepickten Bilder, so genannte Petroglyphen, als archäologische Quelle für die bislang noch kaum erforschte Vorgeschichte der Halbinsel von herausragender Bedeutung sind, zumal die in Rede stehenden mobilen Kulturen grundsätzlich weniger materielle Hinterlassenschaften haben als sesshafte Gesellschaften. Heute sind diese Felsbilder durch moderne Infrastrukturprojekte (Straßenbau etc.) akut gefährdet.
Die schwierige Forschungslage zum Thema ist vor allem durch die Größe des Untersuchungsgebiets zu erklären (60.000 km2). Zwar liegen einzelne Studien zu bestimmten Perioden und einzelnen Darstellungsmotiven vor, eine systematische Katalogisierung der bislang bekannt gewordenen Felsenbilder ist bislang jedoch ebenso wenig in Betracht gekommen wie die Klärung der Frage, in welchen naturräumlichen Kontexten die Bilder betrachtet werden müssen. Darüber hinaus fehlen naturwissenschaftliche Datierungsansätze, die helfen würden, die Chronologie der Bilder auf eine solide Grundlage zu stellen.
Anliegen der Studie ist es, die Rolle der Felsmalerei im Norden der arabischen Halbinsel vom Neolithikum bis in die Neuzeit zu untersuchen, um Rückschlüsse auf die soziokulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der damaligen Gesellschaften in diachroner Perspektive zu ziehen. Welchem Zweck dienten die Felsbilder und welche Bedeutung hatten die unterschiedlichen Motive in ihrem jeweiligen naturräumlichen Kontext bzw. in ihrer jeweiligen anthropomorphen Umgebung? Welche Motive, Stile und Herstellungstechniken wurden in den unterschiedlichen Regionen und Perioden bevorzugt, welche regionalen Unterschiede lassen sich ausmachen, wie sind die Bilder zu datieren und inwieweit können über die Zusammenschau von Felsbildern Aussagen über die Gesellschaften zeitübergreifend getroffen werden?
Der wissenschaftliche Ertrag der Studie liegt nicht nur in der Klärung der genannten Fragen, sondern auch in der Art und Weise, wie die Daten erhoben werden. So wird ein Teil der Bilder im Oman durch die lokale Bevölkerung mit Hilfe einer speziell für diesen Zweck entwickelten App als Bestandteil eines Citizen Science-Projekts dokumentiert. Die Einbindung der lokalen Bevölkerung macht es erst möglich, eine ausreichend große und damit empirisch auswertbare Datenbasis zu erfassen, wobei bislang unentdeckte Felsbilder einbezogen werden.
Als Ergebnis der Studie werden neue Erkenntnisse über die prähistorische und historische Entwicklung der Omanischen Halbinsel erwartet, die zu einer grundlegenden Neubewertung des derzeit vorherrschenden Narrativs beitragen können, wonach Sesshaftigkeit der einzige Schlüssel zu komplexen Gesellschaften ist. Darüber hinaus soll das Projekt durch die Entwicklung standardisierter Methoden und insbesondere durch die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung eine neue Grundlage für weitere Forschungen zum Thema schaffen.