Die mittelalterlich-lateinische Überlieferung der Metaphysik des Aristoteles
Eine historisch-kritische Neuedition der „Metaphysik“ und damit eines der wirkungsmächtigsten Werke der Philosophiegeschichte ist aus philologischer Sicht ein dringendes Desiderat, weil die bisherigen Standard-Editionen von Wilhelm von Christ (1886), William David Ross (1924) und Werner Wilhelm Jaeger (1957) weder auf einer Klärung der Überlieferungsverhältnisse der direkten Überliefe-rung durch griechische Handschriften beruhen noch die indirekte Überlieferung der mittelalterlichen arabischen und lateinischen Übersetzungen einbezogen haben und auch das Zeugnis der griechischen Kommentatoren nur ungleichmäßig dokumentieren.
Für die Vervollständigung und Revision der Rohfassung der neuen „Metaphysik“-Edition werden insbesondere die mittelalterlich-lateinischen Übersetzungen, die von Gudrun Vuillemin-Diem durch kritische Editionen innerhalb der Reihe „Aristoteles Latinus 1970 bis 1995“ in verlässlicher Form zugänglich gemacht wurden, systematisch ausgewertet. Der Schwerpunkt des Projekts liegt dabei auf den beiden Übersetzungen „Translatio Jacobi“ und „Translatio anonyma“, die vor allem für diejenigen Bücher der Metaphysik, deren direkte Überlieferung durch griechische Handschriften (u. a. „Codex Vindebonensis J“, „Codex Laurentianus“) unvollständig ist, von Bedeutung sind. Die „Translatio Jacobi“ ist die älteste erhaltene lateinische Übersetzung der „Metaphysik“; sie wird aufgrund stilistischer Untersuchungen Jakob von Venedig zugeschrieben (Mitte 12. Jahrhundert), der auch andere Werke des Aristoteles übersetzte. Die „Translatio anonyma“ wurde wahrscheinlich Ende des 12. Jahrhunderts unabhängig von der „Translatio Jacobi“ angefertigt. Beide Übersetzungen basieren – so die Annahme von Prof. Primavesi – unmittelbar auf älteren griechischen Handschriften der so genannten „δ“-Überlieferung, die im Rahmen des Forschungsprojekts rekonstruiert wird. Die Erschließung der beiden lateinischen Übersetzungen leistet somit einen Beitrag zur mittelalterlichen Überlieferungsgeschichte des „Metaphysik“-Textes. Das Projekt schließt auch die Möglichkeit zu weitergehenden philologischen Publikationen zur „Übersetzungstechnik“ der beiden mittellateinischen Übersetzungen ein.
Das Forschungsvorhaben ist ein selbständiges Teilprojekt im Zusammenhang eines größeren editionsphilologischen Vorhabens, nämlich der durch Prof. Primavesi und Prof. M. Rashed (Paris-Sorbonne) bearbeiteten kritischen Neu-Edition der Aristotelischen „Metaphysik“, die in den Reihen „Oxford Classical Texts“ (griechisch), „Collection Budé / „Collection des Universités de France“ (griechisch – französisch) und in „Meiners Philosophischer Bibliothek“ (griechisch – deutsch) erscheint. Das Forschungsvorhaben versteht sich wiederum als Teil einer übergreifenden Forschungsrichtung, die sich zum Ziel gesetzt hat, das Missverhältnis zu überwinden, welches zwischen der intensiven philosophisch-systematischen Aristotelesforschung einerseits und der philologisch-editorischen Vernachlässigung weiter Teile des Corpus Aristotelicum andererseits besteht.