Familiale Vermögensbildung Florentiner Kaufmannbankiers in der Wirtschaftswelt der Renaissance: eine Fallstudie zu Lucrezia de‘ Medici-Salviati (1470-1553)
Ziel des Forschungsprojekts ist es, die ökonomischen Praktiken familialer Vermögensbildung und der Aristokratisierung einer Unternehmerfamilie am Beispiel der Lucrezia de‘ Medici-Salviati (1470-1553) zu untersuchen.
Lucrezia de‘ Medici-Salviati war die Tochter von Lorenzo de‘ Medici il Magnifico, dem heimlichen Herrn der Stadt Florenz, und der römischen Adeligen Clarice Orsini. Sie war Schwester von Papst Leo X., die Ehefrau des Papstbankiers Jacopo Salviati, die Mutter des papstfähigen Kardinals Giovanni Salviati und die Großmutter von Cosimo de‘ Medici, dem späteren Herzog der Toskana. Ihre Ehe verband zwei aufstrebende Florentiner Familien sowohl horizontal als auch vertikal: Sie unterstützte ihre Brüder während der Verbannung aus der Stadt durch finanzielle Transferleistungen, sie beherbergte in ihren Wohnstätten verschiedene Medici-Sprösslinge und verschwägerte Anverwandte, aber sie stand auch ihrem Gatten mit dem Haushalt zur Seite und versorgte darüber hinaus ihre männlichen Nachkommen mit den eigenen, von ihr verwalteten Immobilien sowie ihre Töchter mit reichhaltigen Zugaben zu den Mitgiften. Nach dem Tod ihres Ehemannes Jacopo Salviati stand sie faktisch dem römischen Kardinalshaushalt ihres Sohnes Giovanni vor.
Lucrezia de‘ Medici-Salviati war somit die Exponentin zweier grundlegender Entwicklungen der Florentiner Geschichte im Übergang von der Republik zum Fürstentum (1530/37): Erstens war sie die profilierte und ökonomisch aktive Ehefrau eines reichen Kaufmannbankiers und nahm eine Position ein, die sie mit großen Vermögenswerten und hochwertigem Konsum in Verbindung brachte. Zweitens repräsentierte sie das Handlungsrepertoire von Frauen bei der Transformation zweier Familien von Patrizierhaushalten zu aristokratischen Dynastien mit jeweiligen römischen Zweigen.
Im Rahmen des Forschungsvorhabens werden die ökonomischen Praktiken wie die Buchführung oder ihr briefliches Kommunikationsverhalten im komplexen Handlungsgefüge verwandtschaftlicher Beziehungen auf die Fragestellung hin interpretiert, inwieweit die geschlechtliche Differenz wesentliche Unterschiede bei der Vermögensbildung markierte. Ebenso wird das Transformationsnarrativ des Aufstiegs von Unternehmerfamilien zur aristokratischen Dynastie anhand der Handlungsmuster einer Tochter, Schwester, Mutter, Ehefrau und Witwe in seiner etablierten Form hinterfragt und in einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive revidiert.
Das Forschungsvorhaben kann auf vielfältige schriftliche Zeugnisse Lucrezia de‘ Medici-Salviatis zurückgreifen (Briefe, Rechnungsbücher, Güterlisten, Testamente, „sekundäre“ Nachrichten), die in einschlägigen Archiven (u. a. Biblioteca Apostolica Vaticana, Salviati-Archiv im Historischen Archiv der Scuola Normale Superiore in Pisa, Archivio di Stato Firenze) lagern.