Funding Funded Projects Ministerinnen und Parlamente: Eine vergleichende Analyse der Rolle des Geschlechts für parlamentarische Kontrolle // Can a woman do the job? Introducing a gender perspective on legislative oversight

Ministerinnen und Parlamente: Eine vergleichende Analyse der Rolle des Geschlechts für parlamentarische Kontrolle // Can a woman do the job? Introducing a gender perspective on legislative oversight

Der Anteil weiblicher Spitzenpolitiker hat sich in vielen europäischen Staaten in den letzten Jahrzehnten deutlich erhöht. Waren Anfang der 1990er-Jahre nur ungefähr 13% aller Ministerämter mit Frauen besetzt, waren es Ende der 2010er-Jahre bereits knapp 30%.

Diese Entwicklung hat in der politikwissenschaftlichen For­schung allerdings nicht zu einer stärkeren Beschäftigung mit den nach wie vor existierenden, systematischen Bar­rieren für Amtsinhaberinnen geführt. So besetzen in fast allen europäischen Ländern Frauen immer noch meist geschlechtstypische, im Vergleich eher unbedeutende Portfolios, wie Gesundheit oder Familie. Sie treten von sich aus häufiger zurück und sind einer deutlich strengeren legislativen Kontrolle ausgesetzt als ihre männlichen Kol­legen.

Vor diesem Hintergrund möchten Prof. Kröber und Dr. Dingler die folgenden Forschungsfragen beantworten: Wie beein­flusst das Geschlecht eines Ministers bzw. einer Ministe­rin die legislativen Kontrollaktivitäten von Parlamentari­ern? Überwachen Parlamentarier Ministerinnen anders als ihre männlichen Kollegen? Und wenn das so ist, warum, in welchem Maße und unter welchen Bedingun­gen geschieht dies?

Prof. Kröber und Dr. Dingler leiten ihre Hypothesen unter an­derem aus dem Rational Choice Ansatz, Geschlechterrol­lenstereotypen sowie Studien aus der Industriewirtschaft ab. Angelehnt an Geschlechterstereotype wird davon ausgegangen, dass Ministerinnen strenger vom Parla­ment überwacht werden, da ihnen weniger Kompetenz zugetraut wird. Diese strengere Überwachung ist dabei in ‚typisch weiblichen‘ Portfolios, wie Kultur, Bildung, Ge­sundheit etc., weniger stark ausgeprägt. Männliche Par­lamentarier legen härtere Maßstäbe an Ministerinnen an, da diese als Gefahr für die eigene Karriere wahrgenom­men werden. Aber auch weibliche Parlamentarierinnen legen besonders kritische Maßstäbe an, da sie von den wenigen Frauen in Führungsposition stellvertretend eine überdurchschnittlich gute Leistung erwarten. Prof. Kröber und Dr. Dingler entwickeln auch alternative und intervenierende Erklärungsansätze, welche bei­spielsweise die Expertise in einem bestimmten Politikfeld oder länderspezifische Besonderheiten aufgreifen.

Empirisch werden zunächst 150 bereits identifizierte Fälle in Belgien, Dänemark, Deutschland, Österreich, Spanien und dem Vereinigten Königreich betrachtet. Berücksichtigt werden hierbei alle seit 1953 im Laufe einer Legislaturperiode erfolgten Ministerwechsel, bei dem ein Ressort auf das jeweils andere Geschlecht über­tragen wurde. Die Länderwahl ermöglicht eine große Ver­gleich­barkeit, da sich die politischen Systeme ähnlich sind. Gleichzeitig hat sich in allen 150 Fällen weder die partei­politische Zusammensetzung der Regierung noch grund­sätzlich die Politikrichtung geändert. Somit kann Vari­anz vornehmlich durch das Geschlecht des Amts­inhabers bzw. der Amtsinhaberin erklärt werden.

Die Intensität der parlamentarischen Kontrolle wird zu­nächst durch die Anzahl und Art der parlamentarischen Anfragen operationalisiert, wie sie in allen Untersu­chungsländern üblich sind. Neben der schlichten Anzahl von Anfragen wird mit Hilfe einer Sentimentanalyse ein Algorithmus konfiguriert, der anhand bestimmter Wörter einen eher aggressiven oder milderen Tonfall in den Anfragen erkennt. Zu allen Ministerinnen und Minis­tern werden auch biographische Angaben, mediale Be­wertungen und Informationen zu ihrer Expertise im je­weiligen Politikfeld gesammelt.

In einem nächsten Schritt der Untersuchung werden sechs Fälle genauer untersucht, bei denen auf eine hohe Vergleichbarkeit geachtet wird. So werden beispielweise Ministerwechsel ausgeschlossen, bei denen ein Amtsin­haber aufgrund eines öffentlichen Skandals zurücktreten musste. Für diese sechs Fälle werden jeweils 15 Inter­views mit Parlamentariern durchgeführt, die über die je­weilige parlamentarische Kontrolle des betreffen­den Ministers Auskunft geben. Die Interviewfragen wer­den of­fen gestellt und anschließend mittels qualitativer In­halts­analyse ausgewertet.

Die Mischung aus quantitativer und qualitativer Analyse ermöglicht neue Einsichten in die parlamentarische Kontrolle von Ministerinnen, die bisher nur wenig systematisch erforscht ist.

Newsletter Anmeldung

    Ich bin mit der Speicherung meiner Daten gemäß unseren Datenschutzhinweisen einverstanden.

    Newsletter Abmeldung