Fighting anti-Semitism with a Club in Hand: Jewish Self-Defense in Latin America
Ziel des Forschungsprojekts ist es, jüdische Selbstschutzorganisationen in Argentinien, Uruguay, Chile und Venezuela in den 1960er- und 1970er-Jahren vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Südamerika (und Israel) zu untersuchen.
Seit den 1960er-Jahren sahen sich die jüdischen Einwanderer in Südamerika einem zunehmendem Antisemitismus ausgesetzt. Die Entführung von Adolf Eichmann (1960) in Argentinien und die Tötung des NS-Kriegsverbrechers Herberts Cukurs in Uruguay (1965) durch den Mossad sorgten für Proteste bei zumeist rechts-national ausgerichteten Verbänden. Ebenso trug die israelische Nahostpolitik (u. a. der Sechs-Tage-Krieg, 1967) dazu bei, dass sich die Feindseligkeit gegenüber der jüdischen Minderheit in den südamerikanischen Staaten verstärkte.
Als Reaktion darauf gründeten – beeinflusst durch die Jugend- und Studentenbewegung in Südamerika – vorwiegend junge jüdische Einwanderer in Argentinien, Uruguay, Chile und Venezuela Selbstverteidigungsgruppen (u. a. „Irgún“, „Bitajón“), die sich gegen den zunehmenden Antisemitismus und die Provokation rechtsgerichteter Gruppen und arabischsprachiger Einwanderer aktiv zur Wehr setzten. Sie grenzten sich damit von dem Bemühen des israelischen Staates ab, eine Beruhigung der Lage durch Diplomatie und indirekten Einfluss auf die Regierungen in Südamerika zu erreichen. Ihre Aufgaben sahen die Selbstverteidigungsorganisationen darin, jüdische Bürger und Einrichtungen zu schützen, Informationen über antisemitische und antiisraelische Gruppen zu sammeln und den israelischen Geheimdienst bei der Verfolgung von NS-Tätern und anderen verdeckten Operationen zu unterstützen.
Im Rahmen des Forschungsprojekts wird untersucht, welche Vorbilder und Ideale (etwa aus der zionistischen Bewegung) die Mitglieder der jüdischen Selbstverteidigungsgruppen hatten, welche Rolle die israelische Regierung bzw. der israelische Geheimdienst oder zionistische Gruppen bei der Gründung und beim Aufbau der jüdischen Selbstschutzorganisationen spielten, wie die Rekrutierung und Ausbildung der zumeist jungen Juden in den argentinischen und israelischen Lagern verlief, wie die Selbstverteidigungsgruppen strukturiert waren und welchen Beitrag diese zum Teil paramilitärischen Verbände zur Eindämmung antisemitisch motivierter Gewaltaktionen und zum Aufbau demokratischer Strukturen in den südamerikanischen Gesellschaften leisteten.
Dem Forschungsprojekt liegt die Hypothese zugrunde, dass die jüdischen Selbstverteidigungsgruppen, die im Unterschied zu nordamerikanischen jüdischen Selbstverteidigungsorganisationen politisch, ideologisch und sozial eher heterogen waren, ihre gemeinsame Aufgabe darin sahen, das traditionelle Stereotyp vom Juden als „passivem“, „hilf“- und „wehrlosem“ Opfer zu überwinden und den rechtsextremen, antisemitischen und arabischen Gegnern zu signalisieren, dass sie auf Gegenwehr treffen würden, wenn sie gewalttätig gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft vorgingen.