Early Pleistocene population dynamics in the Southeastern Ethiopian Highlands – the Acheulian site-complex of Melka Wakena as a case study
Standen die nachweisbaren Wanderbewegungen im Zusammenhang mit einer Anpassung an veränderte Lebensbedingungen oder waren sie Teil einer geographischen Ausdehnung?
Ausgehend von einschlägigen paläoanthropologischen Untersuchungen, die die Auswirkungen globaler Klimaveränderungen mit Schlüsselereignissen in der biologischen und kulturellen Evolution des Menschen in Verbindung gebracht haben, lenkt Prof. Hovers mit diesem Projekt den Fokus auf ein bislang noch unzureichend erforschtes Gebiet in Ostafrika. Dabei handelt es sich um das äthiopische Hochplateau, das im Gegensatz zum afrikanischen Graben nur wenig Beachtung bei der Erforschung von Verhaltensdynamiken frühpleistozäner Hominiden gefunden hat. Zeit und Region waren von entscheidender Bedeutung in der menschlichen Evolution, da sich hier ein neuer Menschentyp mit einem größeren Körper, einem größeren Gehirn und einem neuen Werkzeugkasten ausbreitete (Homo ergaster). Dieses ‚Toolkit‘ bestand aus geformten Kernwerkzeugen, die durch systematisches Beschlagen der Steine zu scharfkantigen Handäxten geformt wurden.
Die kulturellen, ökologischen und demographischen Einflussfaktoren in Ostafrika wurden vornehmlich über die Befundlage im ostafrikanischen Graben (Rift) ermittelt, sodass das Wissen über frühpleistozäne Fundplätze sowie über Landnutzungsmuster (Regelhaftigkeiten der Ressourcennutzung im Untersuchungsgebiet) und Verhaltensvielfalt auf einer unvollständigen bzw. potenziell verzerrten Datengrundlage basiert. Das äthiopische Hochplateau (>2300 m über NN) ist die einzige Out-of-Rift-Region in Ostafrika, in der ebenfalls frühpleistozäne Stätten nachgewiesen werden konnten. Allerdings sind nur zwei von ihnen archäologisch untersucht worden. Davon ausgehend wurden eine Reihe von Modellüberlegungen zum Verhältnis zwischen den frühsteinzeitlichen Fundplätzen auf dem Hochplateau und im Rift entwickelt und die Vor- und Nachteile des höher gelegenen Lebensraums in Rechnung gezogen, um neue Thesen über klimabedingte Verhaltensweisen und die damit verbundenen Veränderungen der physischen und kognitiven Fähigkeiten der Hominiden zu entwickeln. Die Erprobung dieser Modelle ist eine Herausforderung für die moderne Forschung gewesen, weil einer der untersuchten Standorte (Gadeb) dem Wasserkraftwerk von Melka Wakena zum Opfer gefallen ist. Daher stellt die jüngste Entdeckung (2012) von Melka Wakena, ein frühsteinzeitlicher Fundkomplex unweit der verloren gegangenen Fundstätte Galeb, eine wichtige Ergänzung zu der kleinen Gruppe bekannter Fundplätze auf dem Plateau dar. Pilotgrabungen an drei Standorten haben gezeigt, dass dieser zehn Fundorte umfassende Komplex für die Forschung überaus vielversprechend ist.
Im Rahmen der Feldarbeiten werden Proben aus einem frühen acheulianischen Standortkomplex im südöstlichen äthiopischen Hochland entnommen und naturwissenschaftlich analysiert (Isotopenstudien an Zähnen, Phytolithenanalysen, ökomorphologische Zustandserhebungen, Knochenanalysen u. a. von Mikrovertebraten). In der Zusammenschau mit den bereits vorliegenden Daten soll damit ein präziseres Modell für den Melka Wakena-Standortkomplex entwickelt werden, mit dem weitere Fundorte im Hochland vorhergesagt und mit dem die umweltlichen Voraussetzungen für die Hominidenpräsenz besser bestimmt werden können. Dabei werden tektonische Aktivitäten und globale Klimaschwankungen (Sediment-, Staub- und Faulschlammablagerungen) ermittelt und deren Auswirkungen auf die Lebensumstände nachvollzogen (Mobilitätsverhalten, Gruppeninteraktion, Wissenstransfer sowie mit Blick auf die Nutzung knapper Ressourcen und die Verwendung von Steinwerkzeugen). Standen die nachweisbaren Wanderbewegungen im Zusammenhang mit einer Anpassung an veränderte Lebensbedingungen oder waren sie Teil einer geographischen Ausdehnung? Das Modell wird demzufolge vor allem als Grundlage dienen, um den Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und Verhaltensvielfalt besser verstehen und die Einflussfaktoren eindeutig benennen zu können, die sich bei der Wissensvermittlung positiv und negativ ausgewirkt haben.