In der Frühphase der Reformation rechtfertigten die Reformatoren ihr Gedankengut u. a. dadurch, dass sie dafür eine bis in die Antike zurückreichende Tradition von nicht nur religiösen, sondern allgemein kulturrele¬vanten Auto¬ritäten konstruierten: darunter Francesco Petrarca (1304-1374), einen der ‚Gründervater‘ der Renaissance. Dr. Cascio möchte eine erste systematische Studie dieser Referenzen auf The Reception of Petrarch’s Anti-Avignon Writings in Reformation and Counter-Reformation era (ca. 1500‒1700)
In der Frühphase der Reformation rechtfertigten die Reformatoren ihr Gedankengut u. a. dadurch, dass sie dafür eine bis in die Antike zurückreichende Tradition von nicht nur religiösen, sondern allgemein kulturrelevanten Autoritäten konstruierten: darunter Francesco Petrarca (1304-1374), einen der ‚Gründervater‘ der Renaissance. Dr. Cascio möchte eine erste systematische Studie dieser Referenzen auf Petrarca in den konfessionellen Auseinandersetzungen 1500-1700 erbringen.
Er verfolgt dabei fünf Hauptfragen: Welche Texte Petrarcas wurden v. a. verwendet? Wie wurden dabei Probleme der Orthodoxie(n) umgangen? Wie wurden die Texte ideologisch rezeptionssteuernd aufbereitet? Wie reagierte die katholische Kirche auf die Aneignungen? Welche anderen Autoren wurden zusammen mit Petrarca funktionalisiert und zu welchen Themen? Als eines seiner zentralen Ziele will Dr. Cascio konturieren, inwiefern diese Petrarca-Rezeption unter die Phänomene von (Diskurs- und Deutungs-)Pluralisierung fällt, die für den Übergang zur Frühen Neuzeit charakteristisch sind.
Speziell relevant für die Studie ist das sog. „Liber sine nomine“ (im Folgenden: LSN), eine Sammlung von 19 Briefen, die Petrarca erst zu posthumer Zirkulation bestimmte, von Dr. Cascio 2015 ediert. Die beiden Pole der Sammlung bilden harsche Polemiken gegen die Kurie in Avignon (als neues Sündenbabel) und eine Idealisierung Roms als providentiellem Mittelpunkt der Welt und einzig wahrem Sitz auch des Papsttums, wobei Petrarca auch provokante Sympathien für Cola di Rienzo und seinen Umsturzversuch zur Wiederherstellung republikanischer Verhältnisse in Rom bekundet. Nicht nur die antikuriale Polemik, sondern auch die Tatsache, dass Petrarca aus dem LSN systematisch alle Namen und konkret-historischen Situationsbezüge tilgte, machte die Schrift privilegiert nutzbar für die Zwecke protestantischer Propaganda. Für die Untersuchung hinzugenommen werden weitere lateinische und italienische Texte Petrarcas (Lyrik, Briefe und Traktate), mit denen von beiden konfessionellen Seiten argumentiert wurde.
Ein erster Teil der Studie wird eine möglichst lückenlose Überschau über das Panorama der konfessionspolemischen Petrarca-Referenzen 1500-1700 bieten – mit über 30 Autoren aus Italien, Tschechien, Frankreich, der Schweiz, England und den Niederlanden. Dargestellt werden Überlieferungswege und -medien (Manuskripte, Druck-Editionen, Zitationen, Übersetzungen) und ihre Kontexte, die jeweiligen ideologischen Deutungen und die dafür eingesetzten Mittel der Rezeptionssteuerung (redaktionelle Eingriffe, Paratexte) sowie die regionalen Unterschiede in der Rezeption, für die auch erklärende Hypothesen entwickelt werden.
Ein zweiter Teil wird Fallstudien zu Schlüsselszenarien der Rezeption enthalten:
Zunächst wird die Verbreitung des LSN ab dem 15. Jahrhundert im tschechischen Raum verfolgt, wo u. a. die Hussiten der Reformation den Boden bereiteten. Petrarca selbst, dem Kaiserhof in Prag freundschaftlich verbunden, hatte die Briefe dorthin geschickt; sie kursierten bald in konfessionellen und inner-reformatorischen Polemiken.
Ein vielrezipiertes Traktat von Matthias Flacius aus Istrien (gedruckt 1556) listet Petrarca unter ca. 400 ‚Wahrheitszeugen‘ für den Protestantismus. Untersucht werden Quellen und Zielsetzungen dieser Schrift, ihre Übertragungen ins Niederländische und Deutsche und ihre Erweiterungen im Calvinismus, zudem Flacius‘ weitere Petrarca-Referenzen und seine deutsche Übersetzung eines Briefs des LSN.
Pier Paolo Vergerio d. J. (1489-1565), ein Hauptexponent von Petrarcas Rezeptionsfortune im Protestantismus, edierte Teile des LSN zusammen mit anderen antikurialen Texten und übertrug es später ins Italienische. Analysiert werden seine Übertragung und die Paratexte jener Publikationen.
Ein antipapistisches Pamphlet von François Perrot, das Teile des LSN mit italienischen Übersetzungen enthielt und neben Petrarca auch Dante und Boccaccio als Zeugen für den Protestantismus berief, provozierte eine Widerlegung durch den Gegenreformator Robert Bellarmine: Die drei Dichter hätten nie die Institution des Papsttums, sondern nur Fehlverhalten einzelner Kleriker kritisiert. Hierauf antwortete von calvinistischer Seite Franciscus Iunius d. Ä. Analysiert werden die jeweilige Textwahl und -zusammenstellung der drei Streitschriften, auch hier die Begleittexte und Spezifika der LSN-Übersetzung.
Die Studie wird somit nicht nur einen bislang kaum beachteten Aspekt der Petrarca-Rezeption aufarbeiten und dabei auch die Bedeutung des Lateinischen in Prozessen politisch-religiöser Identitätsfindung des frühneuzeitlichen Europa und seine Beziehungen zu den Volkssprachen weiter erhellen, sondern wird auch allgemein das Analyserüstzeug für die ideologische In-Dienst-Nahme von Literatur schärfen – und damit für eine bis heute virulente Praxis.