Historisch-systematische Einleitung zur kritischen Edition des letzten Buches von Edmund Husserl ‚Erfahrung und Urteil. Studien zur Genealogie der Logik‛ in der Reihe ‚Edmund Husserl Gesammelte Werke — Husserliana‛
In systematischer Hinsicht kommt dem Buch zwar ein herausragender Stellenwert im Gesamtwerk Husserls zu, da es die vollständig ausgereifte Gestalt der genetischen Phänomenologie präsentiert und somit ein neues und bislang kaum bekanntes Gesicht husserlscher Phänomenologie zum Vorschein bringt. Es ist zudem Husserls letztes Buch. Doch ist es nicht mehr von ihm selbst, sondern im Jahr 1939 (etwa ein Jahr nach seinem Tod) von seinem langjährigen Assistenten Ludwig Landgrebe im Prager Academia-Verlag herausgegeben worden. Seitdem gilt es als zumindest teilweise von Landgrebe verfasst. Dies hat bis heute Auswirkungen auf seine Rezeption sowie auf das Verständnis der husserlschen Phänomenologie im Ganzen.
Die neueste Forschung hat zwar philologisch die Autorschaft Husserls bezüglich des Haupttextes (§§ 15–98) belegen können. Doch eine ähnliche Beweisführung ist für die einleitenden Paragraphen (§§ 1–14) nicht möglich. Die inkomplette und unklare Manuskriptlage – Landgrebe redigierte das Manuskript auf der Basis von Manuskripten Husserls, ein letztes Typoskript ließ sich nicht mehr auffinden – gestattet es nicht, die Differenzierung der Autorschaft rein philologisch auszuweisen. Um hier Klarheit zu schaffen, wird im Rahmen des Projekts die verwickelte Entstehungsgeschichte, die zugleich die besondere Art der Zusammenarbeit zwischen Husserl und seinem langjährigen Assistenten dokumentiert, untersucht. Dazu gehört zum einen die Suche nach Ausgangsmaterialien im Nachlass, zum anderen nach Belegen in den international verstreuten Biographica beider Autoren, die vor allem im Zentralarchiv in Leuven, aber – entsprechend neuester Hinweise –auch weiterhin in Prag zu erwarten sind und wichtige Argumente zur Klärung der Fragen nach der Autorschaft des Werks sowie zur Kontextualisierung seiner Entstehung beitragen können.
Nach der inhaltlichen Auswertung der Recherche-Funde werden die historisch-systematische Einleitung zu „Erfahrung und Urteil“ abgefasst und das Werk in der Reihe „Gesammelte Werke Edmund Husserls – Husserliana“ publiziert. Damit wird ein lange bestehendes Desiderat der Forschung – mehr als 80 Jahre nach dem ersten Erscheinen des Buches – erfüllt.
In der Reihe „Husserliana“ werden die gesammelten Schriften von Edmund Husserl kritisch ediert. Sie ist nahezu abgeschlossen, insgesamt sind seit 1950 knapp 50 Bände erschienen; vier Bände sind noch in Vorbereitung. Die von Husserl selbst verfassten Werke sind hier in repräsentativen und verlässlichen Ausgaben vertreten, die zudem mit vielen Beilagen und ergänzenden Texten versehen wurden.
Teil der Husserliana ist zudem bereits eine Reihe von Editionen, die große Vorlesungen oder Publikationsvorhaben von Husserl präsentieren, sowie einige Bände mit Forschungsmanuskripten zu zentralen Themen (Zeitbewusstsein, Lebenswelt u. a.) und Methoden (Reduktion, Eidetik, u. a.). In den letzten Jahren wurden auch Publikationsvorhaben, die Husserl zusammen mit Assistenten realisieren wollte, in der kritischen Ausgabe veröffentlicht bzw. bearbeitet. In den Kontext dieser Schlussarbeiten gehört auch die Edition von „Erfahrung und Urteil“.