Ausgrabungen in Assur: Die Wohnquartiere
Die antike Stadt Assur am mittleren Tigris war die Wiege des assyrischen Reiches und gehört heute zu den wichtigsten Fundstätten des Alten Orients.
In der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausend v. Chr. hatte sich die Stadt von einem kleinen Fürstentum zur Hauptstadt und zum religiösen Zentrum Assyriens entwickelt. Auch wenn die assyrischen Herrscher in größeren Städten des Reichs residierten (Kalḫu, Dūr-Šarrukin, Ninive), wurden die Geschicke des gesamten Alten Orients von hier aus gelenkt. Die Stadt wurde 614 v. Chr. durch die Truppen des medischen Königs Kyaxares zerstört und erlebte dann – zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. – als Verwaltungszentrum des Partherreiches eine zweite Blütezeit.
Bereits im 19. Jahrhundert waren die Ruinen von Assur Ziel archäologischer Forschungen. Im Zuge einer großangelegten Grabung, die Walter Andrae dann zwischen 1903 und 1914 im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft durchführte, wurde das gesamte Stadtgebiet mit seinen Tempeln, Palästen, Befestigungen und Wohnquartieren untersucht. Die Veröffentlichung der damaligen Forschungsergebnisse, die bereits während der Grabung begonnen wurde, ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Nach einer langen Pause wurden die Feldforschungen dann vom irakischen Antikendienst 1979 wieder aufgenommen und – mit Unterbrechungen – bis 2002 fortgeführt. Bis dato liegen die Ergebnisse dieser Untersuchungen allerdings nur in wenigen vorläufigen Grabungsberichten vor.
Parallel dazu haben drei deutsche Expeditionen unter der Leitung von Reinhard Dittmann, Barthel Hrouda und Peter A. Miglus stattgefunden, die sich hauptsächlich auf das während der ersten Grabung nur in groben Zügen erforschte, privat bewohnte Stadtgebiet konzentriert haben. Die deutschen Grabungen aus den Jahren 1990 und 2000/2001 mussten aufgrund des irakisch-amerikanischen Krieges allerdings vorzeitig beendet werden. Da die Wiederaufnahme angesichts der aktuellen politischen Situation als unwahrscheinlich erachtet wird, werden im Rahmen dieses Projekts die dokumentierten Grabungen nunmehr ausgewertet und in einer finalen Publikation veröffentlicht.
Insgesamt wurden im Zuge der deutschen Grabungen im westlichen und nördlichen Stadtgebiet fünf Grabungsabschnitte auf einer Gesamtfläche von 2700 m² angelegt, mit denen rund 2.500 Kleinfunde aus dem Zeitraum von der mittelassyrischen bis zur parthischen Zeit zutage befördert wurden. Einschlägige Grabungsbeschreibungen, Pläne, Fotoaufnahmen und Zeichnungen werden im Institut für Ur- und Frühgeschichte und Vorderasiatische Archäologie in Heidelberg aufbewahrt. In einem früheren Projekt konnte bereits der 900 m² große „Grabungsabschnitt 1“ mit spätassyrischen Privathäusern, etwa 600 Kleinfunden und Keramik sowie zwei privaten Keilschriftarchiven aufgearbeitet und als monographische Abhandlung veröffentlicht werden.
Nunmehr geht es darum, die Funde und Befunde aus den anderen vier Abschnitten mit ihren spät- und mittelassyrischen Siedlungsschichten auszuwerten, die Funde und Befunde zu publizieren und die rund 420 Keilschrifturkunden eines öffentlichen Tontafelarchivs – sie betreffen Rohstoffe und Erzeugnisse aus dem Palastbesitz des 13. bis 11. Jahrhunderts v. Chr. – zu edieren.
Eine zusätzliche Aufgabe ist darüber hinaus eine bessere Erfassung und Lokalisierung der irakischen Grabungsareale. Es handelt sich dabei nicht nur um die Analyse der veröffentlichten Informationen, sondern auch um die Aufarbeitung von Aufnahmen, Beschreibungen und Plänen, die die irakischen Archäologen für die Publikation zur Verfügung gestellt haben.