Funding Funded Projects The Turkish Bildungsroman: A failed attempt or a fresh perspective?

The Turkish Bildungsroman: A failed attempt or a fresh perspective?

Der Bildungsroman in seiner ursprünglichen goethezeitlichen Form sieht vor, dass der Held sowohl sich selbst findet als auch sich in die Gesellschaft integriert. Angesichts der bis heute ungebrochenen Fortune der Erzählmodelle von Bildungs-, Erziehungs- oder Entwicklungsroman setzt Dr. Gürle-Mungan diese Struktur als Heuristik für den modernen türkischen Roman ein. Diese erlaube, spezifische Probleme der Modernisierung, nationalen Identitätsfindung und Demokratisierung der Türkei in den Blick zu nehmen.

Im Rahmen der Studie werden erstens die historische Entwicklung des Genres in der Türkei dargestellt und dabei auch Aspekte von Klassenzugehörigkeit, Gender oder Religion beleuchtet. Zweitens gilt die Aufmerksamkeit dem Verhältnis von Bildungsroman und demokratischer, säkularer Öffentlichkeit, die für sein Telos (in der goethezeitlichen Form) eine Strukturprämisse ist.

Schon im 19. Jahrhundert und in den sog. »Dorfromanen« des Kemalismus wurden in der Türkei Bildungskonzepte mit der Modernisierung verstrebt. Der türkische Modernisierungsprozess selbst, von der politischen Elite »von oben« betrieben, beruhte auf der doppelten Annahme, dass die Türkei zeitgleich westlich-modern und national werden könne. Dabei erbte nach der Säkularisierung der Nationalstaat eine Funktion, die vormals der Islam erfüllt hatte, nämlich den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der osmanischen Polyethnie zu stiften, und tendenziell auch die Autorität der Religion – u. a. mit der Folge einer Sakralisierung des Staats.

Diese Gegebenheiten zeitigen im türkischen Roman schon früh eine Entfremdung des Individuums vom Kollektiv: Die Helden finden sich in komplexe Dichotomien von Ost und West, Tradition und Modernisierung, osmanischer Vergangenheit und türkisch-nationaler Zukunft hineingestellt, wobei sie diese Konzepte erlebend und handelnd zugleich aktiv konstruieren. Angesichts der Labilität und Prekarität des Kollektivs in der Türkei wird dabei die finale Integration des Protagonisten in die Gemeinschaft durch sein nichtteleologisches Ringen um Selbstfindung und Erfahrungsbewältigung ersetzt, wobei die Spezifik seines Interagierens mit dem sozialen Umfeld u. a. eine Neubestimmung der Konzepte von Selbst und Bürger erfordert.

Speziell bearbeitet Dr. Gürle-Mungan folgende Fragenkomplexe: Ist der Bildungsroman, wie von bestehender Forschung vertreten, eine genetisch-strukturell an westliche Gesellschaften geknüpfte Form? Wie werden Spezifika der Türkei mit seinen Handlungsmustern kompatibilisiert? Bereichern die türkischen Ausprägungen das Genre um stilistische und thematische Aspekte? Wie beeinflusst ein fehlendes oder das (von der

Forschung konstatierte) »dystopische Telos«‹ türkischer Romane die Genreentwicklung? Welche Zwangslage resultiert für türkische Bildungshelden aus dem Fehlen einer demokratisch-säkularen Öffentlichkeit oder deren derzeitiger totalitärer Zersetzung? Bedeutet die aktuell (nicht nur in der Türkei) feststellbare Konjunktur des Bildungsromans die Rückkehr eines idealistischen Subjektbegriffs – jenseits seiner Fragmentierung in der Moderne – und eines Bildungsideals, das die Postmoderne als »Meta-Erzählung« verworfen hatte? Vor allem die letztgenannten, von der Forschung noch nicht verfolgten Fragen bilden ein zentrales Interesse des Projekts.

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