Künstliche Intelligenz und Zivile Sicherheit: Eine Studie zu den Effekten der Zukunftsvision „Artificil lntelligence made in Germany“ in der anwendungsorientierten Sicherheitsforschung
Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI) wurde stets von positiven Zukunftsvisionen aber auch Zukunftsängsten begleitet. Zum einen kann KI den gesellschaftlichen Fortschritt in verschiedenen Bereichen vorantreiben. Zum anderen bestehen Bedenken hinsichtlich der Kontrolle von KI, so zur Nachvollziehbarkeit algorithmischer Entscheidungen, der Einhaltung des Datenschutzes oder einer Diskriminierung von Minderheiten.
Die im November 2018 verabschiedete „Nationale Strategie zur Künstlichen Intelligenz“ der Bundesregierung entwirft Möglichkeiten der zukünftigen Anwendung von KI bei Einhaltung von Sicherheitsstandards. Ziel der Strategie ist es, Deutschland als Forschungs- und Wirtschaftsstandort für KI zu stärken. Durch eine ethisch, kulturell und rechtlich eingebettete Nutzung der neuen Technologie soll das Qualitätssiegel „KI Made in Germany“ etabliert werden. Diese Kernaussage der Strategie wird im geplanten Projekt als Zukunftsvision gewertet.
Dr. Hälterlein behandelt das Anwendungsfeld der zivilen Sicherheitsforschung als Fallstudie. Als eines von mehreren Anwendungsfeldern wird die ‚zivile Sicherheit‘ auch in der Nationalen Strategie aufgeführt. Damit bezieht sich die Strategie auf ein sicherheitspolitisches Denken, das jenseits der traditionellen Unterscheidung von innerer und äußerer Sicherheit neue Bedrohungen identifiziert und weitere gesellschaftliche Bereiche als Sicherheitsprobleme betrachtet.
Zentrale Annahme ist, dass Zukunftsvisionen die Funktion der Mobilisierung und Koordination von Ressourcen, Akteuren und Handlungen erfüllen. Sie haben dabei eine Auswirkung auf die natürliche sowie soziale Ordnung.
Das Konzept der sozio-technischen Vorstellungen (‚socio-technical imaginary‘) definiert eben diese Konstruktion von materieller und sozialer Ordnung. Die bisherige Forschung, insbesondere die kritischen Sicherheitsstudien (‚Critical Securities Studies‘), legt den Fokus rein auf die sprachlich konstruierte Versicherheitlichung der Gesellschaft. Das Konzept der sozio-technischen Vorstellungen verbindet konstruktivistische Annahmen mit der Anerkennung der materiellen Seite. Daher werden auch die performativen Effekte von Zukunftsvisionen untersucht, d. h. ihr Einfluss auf die technologische Entwicklung von KI. Durch die Berücksichtigung der materiellen Komponente geht Dr. Hälterlein über den derzeitigen Stand der Forschung hinaus.
Die Auswirkung der Zukunftsvision zu KI wird entsprechend auf zwei Ebenen untersucht: der diskursiven Artikulation im politischen Bereich sowie dem Einfluss auf die anwendungsorientierte Sicherheitsforschung und deren technologische Errungenschaften. Die drei zentralen Forschungsfragen lauten demnach: Wie wird die sozio-technische Zukunftsvision einer ‚KI Made in Germany‘ im politischen Diskurs artikuliert? Welche performativen Effekte hat die Zukunftsvision der ‚KI Made in Germany‘ in der anwendungsorientierten Sicherheitsforschung? Und welche Auswirkungen hat die Zukunftsvision auf Prozesse der Entwicklung KI-basierter Sicherheitstechnologien in einer Reihe von Verbundprojekten zwischen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen?
Für die performative Wirkung von Zukunftsvisionen werden die Rezeption und Auswirkung der Zukunftsvorstellungen der politischen Ebene im wissenschaftlichen Bereich rekonstruiert. Im Mittelpunkt steht die Auswahl von förderungswürdigen Projekten der zivilen Sicherheitsforschung sowie die Problemwahrnehmung und Leistungserwartung an KI in der Wissenschaft. Hier wird überprüft, ob die wissenschaftliche Bewertung die Zukunftsvisionen des politischen Diskurses reflektiert. Beantwortet wird diese Fragestellung durch die Analyse von Forschungsberichten, wissenschaftlichen Publikationen, Interviews mit Wissenschaftlern, Unternehmern und Endanwendern sowie teilnehmender Beobachtung bei öffentlichen Präsentationen der Projektergebnisse. Auch diese Daten werden durch eine systematisch-vergleichende Analyse ausgewertet.