Postcolonial and gendered analysis of ethnographer and collector Wilhelm Joest, his collection and his professional networks
Das Wissenschaftlerteam bezweckt mit diesem Projekt eine multiperspektivische Untersuchung der Sammlung Wilhelm Joests (1852-1897) und strebt grundlegende Beiträge zur gegenwärtigen Forschung in der Wissenschaftsgeschichte, Geschlechtergeschichte, den postkolonialen Studien und der Ethnologie an.
Die Bedeutung sozialer Netzwerke in der deutschen Ethnologie des 19. Jahrhunderts für das Sammeln von Objekten in den Kolonien, die Auswirkungen persönlicher Motivationen auf die Erstellung großer ethnographischer Sammlungen und nicht zuletzt die Interdependenzen zwischen sozialem Geschlecht, sexuellem Begehren und ethnographischem Sammeln werden an der Person Joests im 19. Jahrhundert untersucht.
Im Zentrum steht die Frage, welche emotionalen und ideologischen Komplexe für das Mitwirken an kolonialen Unrechtsregimen einen Anreiz schufen und wie eine fortdauernde Teilhabe an diesem Unrecht neue internalisierte Wahrnehmungs- und Empfindungswelten bei den Kolonisatoren zur Folge hatte.
Die Wahl des Untersuchungszeitraums sowie der Person begründen die Wissenschaftler wie folgt: Das 19. Jahrhundert ist ein zentraler Moment für die Institutionalisierung der deutschen Ethnologie. Joest ist eine wesentliche Figur dieser Zeit. Er erfüllte nicht nur die Rolle eines Forschungsreisenden, sondern hinterließ auch eine umfangreiche Quellensammlung. Diese besteht aus mehr als 5.000 Artefakten, die auf fast alle größeren ethnologischen Museen in Deutschland verteilt sind. Zudem hat er zahlreiche wissenschaftliche Bücher, Reiseberichte, Briefe und Feldfotographien verfasst. Weiterhin knüpfte er Netzwerke auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene.
Das Projekt hat zwei Ziele: Zunächst wird die Provenienz fast aller Objekte der Sammlung nachvollzogen. Zweitens wird ein vertiefter Einblick in die vielfältigen Methoden europäischer Sammler geschaffen, indem pauschale binäre Einordnungen in rechtmäßig und unrechtmäßig erworbene Objekte durch komplexere Ansätze ersetzt werden. Zusätzlich wird die Bedeutung von Gender eruiert; einerseits gilt das Interesse der Rolle von Frauen in Sammlungsmanagement und Kolonialpolitik sowie andererseits der Bedeutung von Sexualität und sexualisierter Gewalt in den Kolonien.
Durch seine inhaltliche und theoretische Situierung kann das Projekt dazu beitragen, Lücken in der deutschen und internationalen Forschung zu schließen. Ausgehend von der gegenwärtigen Debatte um ethnographische Sammlungen in Museen eröffnet das Vorhaben neue und komplexere postkoloniale Perspektiven. Weiterhin ist der Zusammenhang zwischen ethnographischen Sammlungen, Museen, Kolonialbegeisterung und weiblichen Akteuren noch weitgehend unerforscht.