The Economic and Political Effects of Espionage
Spionage ist in Wirtschaft und Politik weit verbreitet. Auch wenn sich zahlreiche wissenschaftliche Studien schon mit Spionage auseinandergesetzt haben, fehlt eine quantitative Untersuchung der tatsächlichen Auswirkungen dieses Phänomens. Ziel des Vorhabens ist daher eine quantitative Erfassung der Hintergründe von Industrie- und Politikspionage. Zu diesem Zweck unternimmt Dr. Glitz eine Analyse von Daten der Staatssicherheitsbehörde der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) für die Jahre 1969 bis 1989 sowie einen Vergleich von Patentanmeldungen in den USA, Deutschland und China für die Jahre 1985 bis 2018.
Das Vorhaben umfasst drei Arbeitspakete:
Im ersten Arbeitspaket stehen die ökonomischen Effekte von Industriespionage im Vordergrund. Konkret erfasst die Analyse die Effekte von Industriespionage der Staatssicherheitsbehörde der DDR in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) auf die Wirtschaftsleistung Ostdeutschlands. Damit soll die Frage beantwortet werden, ob die auf dem Weg der Spionage erlangten Informationen ostdeutschen Unternehmen wirtschaftliche Vorteile verschafft haben – sei es ein schnelleres Produktivitätswachstum, seien es mehr Investitionen, sei es eine veränderte Zusammensetzung des Outputs oder ein Zuwachs an Exporten in nichtsozialistische Länder.
Das zweite Arbeitspaket widmet sich den politischen Effekten von Spionage. Es wird geklärt, ob sich Belege für eine politische Einflussnahme der Staatssicherheitsbehörde in der BRD finden lassen. Konkret wird nach Zusammenhängen zwischen Wahlergebnissen auf lokaler, Landes- und Bundesebene in Westdeutschland einerseits und den Aktivitäten von Stasi-Informanten andererseits gefragt. Zudem wird untersucht, wie der jeweilige Wahlausgang die Struktur und die strategische Ausrichtung der Spionageaktivitäten der ostdeutschen Staatssicherheitsbehörde verändert hat. Schließlich wird gefragt, ob sich der Einfluss der Stasi auch in westdeutschen Medien nachweisen lässt.
Das dritte Arbeitspaket beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Rolle von Industriespionage. Dr. Glitz versucht die illegale Beschaffung von wissenschaftlich-technischen Kenntnissen aus dem Ausland anhand eines Vergleichs von Patentanmeldungen im Ursprungs- und Zielland der Spionage nachzuweisen, der die Anwesenheit von Bürgern des Ursprungslandes im Zielland berücksichtigt.
Daten für die beiden ersten Arbeitspakete entstammen dem „System der Informationsrecherche der Hauptabteilung Aufklärung“ der Staatssicherheitsbehörde, die für den Untersuchungszeitraum knapp 190.000 Informationssätze im Rahmen von Industrie- und knapp 160.000 Informationssätze im Rahmen von politischer Spionage enthielt. Während die Daten selbst vernichtet wurden, sind die von der Behörde angelegten Metadaten der Informationssätze erhalten geblieben. Diese Daten erlauben, die gesuchten Zusammenhänge mit Hilfe ökonometrischer Regressionstechniken zu überprüfen. Möglichen Endogenitätsproblemen wird durch Instrumentvariablenansätze begegnet. Für die Operationalisierung einer möglichen Beeinflussung der Medienberichterstattung durch die Staatssicherheit wird außerdem auf moderne automatisierte Verfahren zur Klassifizierung von Textinhalten zurückgegriffen. Das dritte Arbeitspaket nutzt hauptsächlich Daten des Europäischen Patentamts für den Zeitraum 1985 bis 2018, ergänzt um Patentanmeldungen bei den nationalen Behörden der Untersuchungsländer. Unter Einsatz von Techniken des maschinellen Lernens werden textuelle Gemeinsamkeiten zwischen sektorspezifischen Patentanmeldungen in China und gleichzeitigen Anmeldungen in den USA und Deutschland ermittelt.