Multilateralism under attack: International organizations and the (re-)assertion of national sovereignty
Internationale Organisationen (IO) spielen seit 1945 eine Schlüsselrolle bei der Lösung wichtiger transnationaler Probleme. Eine Reihe von Staaten beanstanden allerdings, dass internationale Organisationen im Zeitverlauf zu einflussreich geworden sind. Diese Staaten ergreifen deshalb Maßnahmen, um ihre nationale Entscheidungsgewalt zurückzuerlangen. Dies zeigt sich beispielhaft an Beitragskürzungen an die Vereinten Nationen, der Drohung mehrerer afrikanischer Staaten, aus dem Internationalen Strafgerichtshof auszutreten, oder der Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen.
In der Forschung wurde bereits häufiger der Frage nachgegangen, warum Staaten nationale Entscheidungsgewalt zurückverlangen. Es wurde bislang allerdings kaum erforscht, wie internationale Organisationen hierauf reagieren. Vor diesem Hintergrund adressiert Dr. Hirschmann unter anderem folgende Forschungsfragen: Wie reagieren IO auf Budgetkürzungen, Austritte oder die systematische Nichtbeachtung zentraler Normen durch Mitgliedsstaaten? Und welche Faktoren erklären unterschiedliche Reaktionen hierauf?
Durch eine Kombination von Theorien aus der Multilateralismus- und der Organisationsforschung identifiziert Dr. Hirschmann drei idealtypische Reaktionsmöglichkeiten auf die Forderung nach Rückgewinnung nationalstaatlicher Souveränität. Erstens durch Aufmerksamkeitsvermeidung, wodurch IO ihre Politik unverändert fortsetzen. Zweitens durch Anpassung, wodurch IO versuchen, die Unterstützung des herausfordernden Staates zurückzugewinnen. Und drittens durch Widerstand beziehungsweise Resilienz, wobei IO eigene Kapazitäten entwickeln oder neue Konstellationen eingehen, um den herausfordernden Staat zu beeinflussen.
Für die Auswahl von Fällen werden diese Reaktionsmöglichkeiten mit vier unterschiedlichen Strategien von Nationalstaaten, die Souveränität zurückzuerlangen wollen, kombiniert. Hierzu gehören Budgetkürzungen beziehungsweise das taktische Zurückhalten von Geldern, die Nichtbesetzung zentraler Positionen in internationalen Organisationen, die dauerhafte Nichteinhaltung von Kernprinzipien und Werten der Organisation sowie letztlich der Austritt.
In einem ersten Schritt wird eine Datenbank angelegt, die zunächst deskriptiv Informationen über Souveränitätsansprüche von Ländern vis-à-vis 15 ausgewählten internationalen Organisationen sammelt. Hierzu werden Primärdokumente der IO, politische Reden, strategische Dokumente, Sitzungsprotokolle sowie einer Reihe von semistrukturierten Interviews mit ausgewählten Vertretern der IO herangezogen.
In einem zweiten Schritt werden aus einer Kombination der oben genannten Faktoren beispielhaft sechs Fälle eingehender untersucht. Hinsichtlich des Austritts aus einer IO werden das Verlassen von Burundi und Südafrika aus dem Internationalen Strafgerichtshof sowie von Brasilien aus dem Völkerbund analysiert. Im Hinblick auf Budgetkürzungen werden die USA in Bezug auf das Budget zur Friedenssicherung und des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen untersucht. Hinsichtlich der Nichtbeachtung von Kernprinzipien und Werten werden Ungarn und Polen in Bezug auf die Europäische Union sowie die Sowjetunion in Bezug auf den Völkerbund in den Blick genommen. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich auf die Zeit von 1920 bis heute.
In einem dritten Schritt werden dann vier dieser sechs Fälle mit Hilfe von „Process-Tracing“ vertiefter analysiert.