Schiefertafeln des 14. Jahrhunderts aus dem Kölner Jüdischen Viertel
Das Projekt dient der vollständigen wissenschaftlichen Beschreibung und Auswertung der vermutlich über 500 Stücke beschriebenen Schiefers, die in der Ausgrabung des mittelalterlichen jüdischen Viertels von Köln seit 2009 gefunden wurden. Dabei handelt es sich um einen einzigartigen Fundkomplex, der seine Bedeutung auch dadurch erhält, dass es sich nicht um eine planmäßig angelegte Überlieferung, sondern um Funde aus dem Alltagsleben handelt, die aufgrund einer großen Katastrophe (1349) und eines archäologischen Glücksfalls erhalten sind.
Das Kölner jüdische Viertel wurde – im Kontext der sogenannten Pestpogrome von 1348-1350 – am 23. August 1349 angegriffen und in Brand gesetzt, zahlreiche Häuser und die Synagoge wurden zerstört. In der Zerstörungsschicht fanden sich neben unbeschriebenem Dachschiefer auch zahlreiche Stücke beschriebenen Schiefers, die bereits identifiziert und separat inventarisiert sowie teilweise photografiert worden sind. Sie enthalten eine Vielzahl von unterschiedlichen Genres, die z. T. im Schulbetrieb, z. T. im alltäglichen Wirtschaftsleben des Viertels und in der Verwaltung der jüdischen Gemeinde entstanden sind: Schreibübungen, Zeichnungen, Kritzeleien, Fragmente magischer Natur, Reste von längeren Texten und diverse Namenslisten, die meist wohl buchhalterische Funktion hatten, da neben Namen auch unterschiedliche Summen angegeben sind. Der Fund ermöglicht somit Einblicke in die Alltagskultur des Mittelalters, insbesondere in die Alltagsökonomie und verschiedene Lebensbereiche, in denen Schrift verwendet wurde.
Es werden alle auf Schiefertafeln befindlichen Graffiti beschrieben, transkribiert und analysiert sowie in ihren historischen Kontext eingeordnet. Ziel ist es, die Tafeln für eine Rekonstruktion des jüdischen Alltags in Köln im 14. Jahrhundert zu nutzen und sie der Forschung zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der vielfältigen Verwendungen der Tafeln werden neben einer Edition und Publikation hochwertiger Photographien insbesondere paläographische Studien zur Alltagsschriftlichkeit, eine Prosopographie und Studien zur Alltagsökonomie durchgeführt. Ferner werden Fragen zur Kulturproduktion in Köln, zu materiellen Aspekten des jüdischen Rechts und zum Lehren und Lernen im Mittelalter bearbeitet. Schließlich wird in Kooperation mit MiQua (LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln) nach Möglichkeiten gesucht, die Ergebnisse des Forschungsprojektes den Museumsbesuchern zugänglich zu machen (z. B. Katalog, Ausstellung).
Das Textkorpus wird mit philologischen und kulturhistorischen Methoden erschlossen und editiert. Dafür werden auch schriftliche und nichtschriftliche Überlieferungen aus der nicht-jüdischen mittelalterlichen Kultur und anderen hebräischen Traditionen vergleichend herangezogen (u. a. magische Handschriften der Kairoer Geniza, christliche Abhandlungen zu Magie und Aberglauben, Zeugnisse der christlichen Kunst, mittelalterliche Haushaltsbücher und Handbücher zur Erziehung).