The search for a normal life: House-building and home-making between Egypt, Europe and the Gulf
Ausgangspunkt des Projekts ist die Annahme, dass Migrationsbewegungen auf unerwartete Weise nicht nur Empfängergesellschaften, sondern auch die Vorstellung von Beschaffenheit und Bedeutung eines guten Lebens in Herkunftsgesellschaften transformieren. Am Fallbeispiel des Hausbaus und des Schaffens eines Zuhauses soll dargelegt werden, wie Bevölkerungsbewegungen von ländlichen Gebieten in Richtung Metropolen urbane Ballungsräume verändern.
Dr. Schielke fragt, ob und auf welche Art und Weise die Suche nach einem normalen Leben, die sich im Hausbau manifestiert, als unbeabsichtigter Motor für sozialen Wandel fungieren kann.
Der Hausbau symbolisiert das Streben nach Moral, materiellem Komfort, aufwärtsorientierter sozialer Mobilität sowie die lokale Verwurzelung. Er fungiert weiterhin als Sinnbild für ein normales Leben, d. h. ein ungestörtes Leben, in dem sich Menschen gemäß spezifischen Erwartungen verhalten und Menschen sich nicht erklären müssen. Trotz dieser mit den Häusern assoziierten positiven Gefühle werden die Häuser seitens der Besitzer oft nur in den Ferien bewohnt, da sich das alltägliche Leben in Großstädten vollzieht und diese zur Heimat werden. Das Haus wird dabei in eine dialektische Beziehung gesetzt, indem argumentiert wird, dass aufgrund der Materialisierung internationaler Migration und des Wirtschaftswachstums konträre Träume von Zugehörigkeit und Weltlichkeit verfestigt werden.
Um diese Dynamik zu verstehen, unternimmt Dr. Schielke einen systematischen qualitativen Vergleich von Hausbauprojekten, die zwischen Ägypten, West-Europa und den arabischen Golfstaaten zu lokalisieren sind. Hauptschauplatz dieses translokalen Netzwerks bildet die ländliche Region von Mutubis im nördlichen Nildelta. Ein Großteil der dortigen Bewohner wird diese Gegend zu hoher Wahrscheinlichkeit gegen Ende des 21. Jahrhunderts aufgrund des Klimawandels verlassen müssen.
Zu diesem Zweck wird zunächst ein komparativer Blick auf die Praktiken des Hausbaus von Ägyptern, die innerhalb des translokalen Netzwerks zwischen Ägypten, West-Europa und arabischen Golfstaaten mobil sind, geworfen. Im Anschluss wird die Rolle von Häusern und eines Zuhauses in der Definition sowie der Materialisierung eines guten, normalen Lebens erschlossen. In einem dritten Schritt wird erforscht, wie das Bestreben, durch den Hausbau Normalität zu praktizieren, durch drei Komplikationen gekennzeichnet ist. Bei diesen handelt es sich um die Notwendigkeit der Mobilität zur Realisierung der Normalität, das Paradox von Stabilität und Wirtschaftswachstum sowie das Zusammenkommen materieller, moralischer und spiritueller Zielsetzungen. Diese Erkenntnisse werden in einem vierten und letzten Schritt in die Entwicklung einer empirischen Grounded Theory münden, aus der hervorgeht, inwiefern die Suche nach einem normalen Leben, welche im Hausbau Ausdruck findet, als Motor sozialen Wandels agiert.