Funding Funded Projects Evidenz und Erklärung. Retextualisierungen des Ersten Weltkriegs in französischen und italienischen Gegenwartserzählungen

Evidenz und Erklärung. Retextualisierungen des Ersten Weltkriegs in französischen und italienischen Gegenwartserzählungen

Der Erste Weltkrieg hat im Bewusstsein vieler europäischer Gesellschaften bis heute einen höheren Stellenwert als in Deutschland.

Etwa in Frankreich wurden die Grande Guerre und ihre Grausamkeiten schon in den 1920er Jahren in einer Flut von Romanen verarbeitet; in den Jahren 1980-2000 erschienen dort erneut ca. einhundert Romane zu dem Thema. In Italien war der Kriegsausgang, ob­wohl das Land offiziell zu den Siegermächten zählte, früh negativ konnotiert (v. a. infolge des verheerenden Alpen­kriegs); ab 1990 setzt aber auch hier eine intensive, differenzierte Auseinandersetzung ein. Die Kriegserzählungen beider Länder entstanden aus ei­nem breiten Spektrum von Motiven (Sensationalismus, Aufklärung, Befriedigung eines erinnerungskulturellen Konsens‘ etc.), gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie die Kriegserfahrung dezidiert von einem heutigen Stand­punkt aus subjektiv und/oder ethisch reinterpretieren und damit nicht zuletzt Aspekte literarisch ergänzen wollen, die in anderen Diskursen unterbelichtet blieben.

Dass sich aber hierüberhinaus jene fiktionalen „revisita­tions“ oder „revisitazioni“ in Frankreich und Italien markant unterscheiden, erinne­rungskulturell wie in ihren literarisch-ästhetischen Lö­sungen, macht sich Prof. Schwarze zu Nutze, um an­hand eines Vergleichs dieser bei­den Länder eine Taxo­nomie von Textmustern histori­schen Erzählens zu erar­beiten. Als Forschungsinnovation wird dafür ein nicht-thematischer, sondern narratologi­scher Ansatz gewählt. Untersucht wird, wie sich die Kriegserzählungen jeweils zu ihrer Referenz, der Kriegswahrnehmung durch Indi­viduen und/oder Kollektive, verhalten und wie in dieser Relation Wirklichkeitseffekte erzeugt werden. Konkret wird dafür untersucht, wie die Kriegssemantik durch Effekte von Nähe oder Distanz des Erzählens zum Erzählten mo­delliert wird und wie sich seitens der Rezeption Kohä­renzerwartungen und -bildungsprozesse auswirken. Erst eine Identifikation und Auswertung solcher Textmuster soll zu bestimmen erlauben, worin ggf. der ‚Realismus‘ der Erzählungen besteht.

Als zwei grundlegende Möglichkeiten, wie das Erzählen auf die Realitätserfahrung Bezug nehmen kann, werden ‚Erklärung‘ und ‚Evidenz‘ angesetzt: Jedes Erzählen, zu­mal das historische, muss einerseits die Komplexität der Erfahrungen, auf die es sich bezieht, reduzieren und ihnen einen Erklärungszusammenhang unterlegen. An­dererseits evoziert es das Zufällige und Chaotische jener Erfahrungen als Evidenz. Diese Grundspannung von er­klärender Kohärenzstiftung und Verlebendigung von Kontingenz setzt Prof. Schwarze als konstitutiv für histori­sches Erzählen an und differenziert sie in Fallstudien aus.

Insgesamt werden neun Romane aus Frankreich seit 1992 (u. a. von Pierre Bergounioux, Philippe Claudel, Xavier Hanotte, Jean Echenoz, Pierre Lemaitre) und zwölf Romane aus Italien seit 1975 (von Guido Morselli, Mario Rigoni Stern, Andrea Molesini, dem Autorenkollek­tiv Wu Ming u. a.) untersucht.

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