Ein Paradies en miniature. Die Insel Gulang in der Literatur
Die chinesische Insel Gulang oder Gulangyu, zwei Quadratkilometer groß, liegt in fünfminütiger Fährendistanz von der Großstadt Xiamen (vormals Amoy) entfernt und wird heute von weniger als 20.000 Menschen dauerhaft bewohnt.
Auf der Insel verkehren weder Autos noch Fahrräder, einzig elektrische Shuttle-Busse. Seit 2017 ist sie Teil des UNESCO-Welterbes und eine Attraktion für ca. 5-6 Millionen Touristen jährlich. Die heutige Bedeutung der Insel geht auf besondere historische Umstände zurück. Xiamen war im 19. Jahrhundert einer der vier nach dem ersten Opiumkrieg von 1842 geöffneten internationalen Vertragshäfen. Motiviert durch die desolaten hygienischen Verhältnisse in der Stadt verlegten zahlreiche ausländische Konsulate ihre Residenz auf die Insel. 1903 wurde dort eine Internationale Niederlassung von 13 Staaten auch formell begründet.
Infolgedessen entstanden auf der Insel einzigartige kulturelle Bedingungen. Architektonisch bildet sie einen Mikrokosmos der chinesischen Baustile seit dem 19. Jahrhundert – einerseits mit spätviktorianischen Kolonialbauten (Kirchen, Konsulate, Schulen, Clubs etc.), andererseits mit Gebäuden in einem hybriden Baustil, den Chinesen, die ab dem Ende des 19. Jahrhunderts aus den Philippinen, Malaysia und Indonesien wieder in die internationale Zone zuwanderten, aus Übersee mitbrachten. Gulang wird auch „Trommelwelleninsel“ oder „Insel der Musik“ genannt, zum einen aufgrund seiner spezifischen Lautkulisse der sich brechenden Wellen, zum anderen gibt es dort die höchste Dichte an Klavieren in China, ein Klaviermuseum sowie eine Sammlung von Kirchenorgeln. Zahlreiche bekannte chinesische Musiker stammen von dort. Vor allem gilt der Insel ein – gemessen an ihrer territorialen Winzigkeit – überproportional reiches Schrifttum, mit Landschaftsinschriften, in denen Gulang schon Mitte des 19. Jahrhunderts als „Paradies“ bezeichnet wird, und mit zahlreichen Werken aus Belletristik, Historiographie und Biographik, die in der chinesischen Literatur nicht geschieden werden. Viele der belletristischen Texte sind zwar der ‚Heimatliteratur‘ zuzurechnen, bilden aber gerade damit auch Moden und ideologische Strömungen in China seit dem 19. Jahrhundert ab.
In diesem Korpus möchte Prof. Lackner die zusammenwirkenden ideologisch-kulturellen Gründe für die Bedeutung Gulangs im chinesischen Denken erhellen. Gewicht legt er u. a. auf folgende Aspekte: Wie wirkt sich die lange chinesische Tradition des Topos, Inseln als ‚Orte der Seligen‘ zu beschreiben, in den Gulang-Darstellungen aus? Inwiefern kann Gulang – im Licht einer anderen chinesischen Tradition, nämlich von Miniatur-Gärten, in denen sich nach daoistischen Theorien das Universum spiegelt – als Bild der ‚westlichen Welt en miniature‘ gesehen werden, dem aber aufgrund seiner territorialen Winzigkeit die Konnotationen des Bedrohlichen fehlen, die sonst chinesische Bilder des Westens kennzeichnen? Bzw. inwiefern spiegelt auch das Schrifttum über Gulang eine charakteristische Zwiespältigkeit chinesischer Auffassungen des „Globalismus“: da er einerseits positiv mit „Weltoffenheit“, andererseits negativ mit „Kolonialismus“ und „Imperialismus“ assoziiert wird? Infolge welcher historisch-politischer und dynastisch-biographischer Gegebenheiten fungiert Gulang als ein Teil der ‚mythischen Topographie‘ des modernen China und steht speziell für vormals enge Verbindungen zu Taiwan? Wie repräsentiert Gulang auch dank der zurückgekehrten Chinesen aus Übersee die Idee einer kulturellen Einheit Chinas? Schließlich als philologisches Anliegen: Inwiefern kann ein westlicher Blick auf das Korpus auch zur Identifikation von Kitsch in chinesischer Literatur beitragen?
Mit der Beantwortung dieser Fragen werden anhand Gulangs exemplarisch Tiefenschichten chinesischer Lebenswelt und Weltanschauung seit dem 19. Jahrhundert sichtbar gemacht: die Ambiguitäten von West-Konzepten in China sowie die Wirkmacht der Idee einer (politischen und kulturellen) Einheit der chinesischen Welt.