Music Performance Markup: Infrastruktur für einen Datenstandard zur formalen Beschreibung musikalischer Interpretationen
Wie kann die klingende Darbietung eines Interpreten beschrieben und in Relation zu alternativen Darbietungen anderer Interpreten oder zu gedruckten Vortragsanweisungen gesetzt werden?
Der Musikwissenschaft steht eine Vielzahl von Audioanalysewerkzeugen und Visualisierungstechniken zur Verfügung, um Klangdokumente erschließen und interpretieren zu können. Allerdings gibt es keinen gemeinsamen Datenstandard, der einen systematischen und umfassenden Zugang zu den Phänomenen der Musikinterpretation ermöglicht (Timing, Dynamik, Artikulation, Ornamentik, Spieltechnik, Aufnahmetechnik, Akustik) und der die Veröffentlichung bzw. Nachnutzung von Forschungsergebnissen in einem einheitlichen Format erlaubt. Ein solcher gemeinsamer Standard wäre jedoch eine wichtige Voraussetzung für interdisziplinäres Forschen im Bereich der Digital Humanities.
Mit der Studie möchte Dr. Berndt diese Forschungslücke schließen, wobei er auf seine mehrjährige Grundlagenforschungen und das von ihm entwickelte Beschreibungsformat Music Performance Markup (MPM) aufbaut. Ausgangspunkt für die Entwicklung dieser mathematischen Modelle zur systematischen Beschreibung interpretatorischer Merkmale war die Frage nach Verbindungsmöglichkeiten zwischen Klangdokument und Notenmaterial. Wie kann die klingende Darbietung eines Interpreten beschrieben und in Relation zu alternativen Darbietungen anderer Interpreten oder zu gedruckten Vortragsanweisungen gesetzt werden? Dr. Berndt hat mit MPM ein Format zur Beschreibung von musikalischen Interpretationen auf den Weg gebracht, mit dem die Kluft zwischen den beiden diametral entgegengesetzten Ansätzen – repräsentiert durch Messreihenformate (Low-Level-Daten) einerseits und symbolische Formate (High-Level-Date) andererseits – überbrückt werden kann. Der modellbasierte Ansatz von MPM ist frei von der Mehrdeutigkeit allgemeinsprachlicher Umschreibungen, bietet aber gleichzeitig eine sprachliche Abstraktionsfähigkeit, die bei der Arbeit mit Messreihen oft fehlt.
Das MPM hat in den einschlägigen Anwendungsfeldern von Musikwissenschaft und -edition, Timbre-Forschung, Interpretationsforschung, Musikpsychologie, Musikproduktion, digitaler Archivierung und künstlerischer Praxis bereits positive Resonanz erfahren und ermöglicht eine Vielzahl neuartiger Forschungsdesigns. Im Rahmen der Vorarbeiten ist eine grundständige Formatdefinition in der durch die TEI entwickelten Metasprache ODD und eine Proof-of-Concept-Implementierung für eine Rendering Engine zur klanglichen Wiedergabe von Interpretationsbeschreibungen entstanden. Außerdem liegt mit dem Converter Framework meico eine ausgereifte Software-Technologie vor, auf deren Basis die Arbeiten für dieses Vorhaben aufsetzen können. Damit MPM in den Communities praktisch genutzt und zu einem akzeptierten Standard weiter entwickelt werden kann, sind aber jenseits der bloßen Definition des Formates vielfältige weitere Anstrengungen erforderlich. So wird im Rahmen der Studie eine Infrastruktur geschaffen, bestehend aus Software-Tools (Editor, Converter, MIDI- und Audio-Renderer), Guidelines, Sample Encodings und Tutorials sowie Development Guidelines, die eine Community-getriebene Weiterentwicklung des Formates befördern und dazu beitragen sollen, MPM als Datenstandard zu etablieren.