Late Babylonian Priestly Literature: Ideology in Context
Ziel der Studie ist es zu zeigen, wie die priesterliche Literatur das Spannungsfeld zwischen Priester, Gott und Fremdherrscher reflektiert und die Rolle der Priesterschaft dabei neu zu verorten sucht.
Die Untersuchung nimmt die literarische Produktion babylonischer Priester des 4. bis 2. Jahrhunderts v. Chr. in den Blick, um jene Textzeugnisse innerhalb der schriftlichen Überlieferung der Priesterschaft zu identifizieren, die tatsächlich in dieser Zeit erdacht und geschrieben wurden und nachweislich keine Kopien älterer Originale darstellen. Die so identifizierten Texte werden als Produkte der spätbabylonischen Autoren in Bezug auf priesterliche Institutionen und Tempelvorschriften betrachtet und im Kontext einer sich politischen und sozio-kulturell rasch verwandelnden Welt analysiert.
Gegenstand der Studie sind die einstmals in Tempelarchiven von Babylon und Uruk gesammelten Schriften babylonischer Priester, insbesondere die Texte aus dem Tempel Esaĝila, der wiederum Marduk, der höchsten Gottheit von Babylon, gewidmet war. Die erhaltenen Texte berichten von Ereignissen, die für die Priester in Vergangenheit und Gegenwart von Bedeutung waren und aus denen sich ihre Hoffnungen für die Zukunft speisten, darunter Chroniken, historisch-literarische Texte sowie rituelle Schriften. Das Korpus umfasst rund 30 historisch-literarische Schriften (Briefe, narrative Texte, Epen etc.), 25 Chroniken und 70 rituelle Texte babylonischer Provenienz und eine Auswahl gleicher Textsorten aus Uruk. Ziel ist es zu zeigen, wie die priesterliche Literatur das Spannungsfeld zwischen Priester, Gott und Fremdherrscher, der sowohl umworben als auch verdammt und ausgeblendet wurde, reflektiert und die Rolle der Priesterschaft dabei neu zu verorten sucht. Ferner soll gezeigt werden, wie die spezifischen Entstehungsumstände Form, Inhalt und Rezeption der mesopotamischen Texte beeinflusst haben.
Die Forschung hat diese Texte bislang als Kopien älterer Texte verstanden, während Prof. Jursa und Prof. Wassermann ihren Ursprung im Seleukidenreich verorten und ihre Hypothese mit historischen Argumenten zu belegen versuchen. Demzufolge stimmen die vorherrschend in den Texten verhandelten Themen mit den Interessen jener babylonischen Priesterschaft überein, die sich im späten 4. Jahrhundert v. Chr. – nach der Eroberung Mesopotamiens durch die Makedonen – in einer Art politischen bzw. sozio-ökonomischen Nische behaupten konnte. Der historische Entstehungskontext ist gekennzeichnet durch den anfänglichen Rückhalt, den die Priesterschaft unter den hellenistischen Fremdherrschern genoss, der dann aber zunehmend nachließ und unter der Herrschaft der Parther schließlich vollends verloren ging. Im Gegensatz zu weiten Teilen früherer mesopotamischer Literatur werden in den Texten nicht die Könige, sondern die Priester als Verteidiger religiöser Standards und kultischer Normalität dargestellt. Die Priester werden als Hüter der Tradition beschrieben, die göttliches Wohlgefallen und königliche Anerkennung ernteten, die aber auch das Recht und die Pflicht hatten, gegen den fremden König aufzustehen, sobald die religiösen Werte und Institutionen in Gefahr waren. Da diese Texte das Spannungsfeld zwischen Priesterschaft und Fremdherrscher mehr oder weniger zu reflektieren scheinen, darf ein gemeinsamer Entstehungskontext mit gutem Grund angenommen werden.
Um diese Arbeitshypothese überprüfen und die Kohärenz der Schriften bestätigen zu können, werden die Texte philologisch analysiert (Grammatik, Orthographie, Wortschatz, Ausdrucksweise) und mit Textsorten verglichen, die unzweifelhaft früher entstanden sind, also im Verlauf des 7. bis 6. Jahrhunderts (u. a. astronomische Tagebücher, rituelle Texte). Sodann werden die Motive im Rahmen einer literarisch-kritischen Analyse herausgearbeitet und ihre kennzeichnenden Merkmale und Intentionen mit älteren Texten abgeglichen. Ferner werden paläographische Untersuchungen durchgeführt, um die zeitliche Entstehung möglichst präzise fassen zu können.
Im Ergebnis möchten die Wissenschaftler die Spätphase der akkadischen Literatur rekonstruieren und mit einer Online-Edition öffentlich zugänglich machen.