Funding Funded Projects Der Briefwechsel der Brüder Grimm mit ihren älteren Verwandten (1789-1815). Abschluss der kommentierten Edition der Briefe aus dem frühen verwandtschaftlichen Umfeld von Jacob und Wilhelm Grimm

Der Briefwechsel der Brüder Grimm mit ihren älteren Verwandten (1789-1815). Abschluss der kommentierten Edition der Briefe aus dem frühen verwandtschaftlichen Umfeld von Jacob und Wilhelm Grimm

Die Korrespondenzen der Brüder Grimm mit ihren älteren Verwandten (insgesamt ca. 400 Briefe) setzen mit einem Geburtstagsgruß des vierjährigen Jacob ein, reichen über prägende Jahre der Brüder – die Schul- und Studienzeit und ihre ersten Berufsjahre – bis zum Tod der letzten fürsorglichen älteren Verwandten 1815. Zu¬dem überspannen und spiegeln sie die politischen Um-wälzungen der Französischen Revolution bis zum Wiener Kongress und dokumentieren insbesondere die französische Besatzung Kassels 1806-13.

Obwohl die Forschung seit einiger Zeit davon ausgeht, dass das wissenschaftliche Lebenswerk der Brüder auf Prägungen ihrer Kindheit zurückgeht und ihr familiär-nachbarschaftlicher Umgang ihr erstes Forschungsfeld war, sind diese Korrespondenzen bislang weitestgehend unveröffentlicht. In der seit 2001 erar­beiteten (auf ca. 40 Bände angelegten) „Kritischen Aus­gabe des Briefwechsels der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm“ erschienen bislang nur Gelehrtenbriefwechsel. Ziel dieses Projekts ist deshalb eine kritisch-kommentierte Edition der Familienkorrespondenz im Rahmen jener Ausgabe: als biographisch, sprach-, kultur- und zeithis­torisch reichhaltige Quellen zur Sattelzeit, für die sich nicht zuletzt die besondere Ausgangslage ergibt, dass Wilhelm Grimm selbst die Briefe archiviert hat; er maß ihnen hohen Wert als familiengeschichtlichen Dokumen­ten bei.

Nach dem frühen Tod des Vaters Philipp W. Grimm wa­ren es neben der Mutter Dorothea, geb. Zimmer (1755–1808), v. a. der Großvater Johann H. Zimmer (1709–98) sowie die Tante Henriette Zimmer (1748-1815), die den Werdegang der Brüder förderten. Der Briefwechsel mit dem Großvater bietet Einblick in die frühe Bildungssozia­lisation v. a. Jacob Grimms und abstrakter in die sich wandelnde Großelternrolle im 18. Jahrhundert. Die etwa 270 Brie­fe von der Tante und an sie bilden einen Schwer­punkt der Edition. Sie sind (nicht zuletzt politisch) be­sonders aufschlussreich während der Jahre 1807-13, die Henriette als Kammerfrau der im Exil lebenden Kur­fürs­tin Karoline in Gotha zubrachte, was überhaupt erst zu dem regen Briefwechsel mit den Neffen führte.

Außerdem enthalten die Briefe Informationen über wei­tere Familienmitglieder (die anderen vier Geschwister oder andere Angehörige früherer Generationen), über Alltagsleben und finanzielle Verhältnisse der Familie, die Rolle Jacobs im Königreich Westphalen als Bibliothekar Jérôme Bonapartes und nach der Besatzungszeit, über Kontaktpersonen zwischen Kassel und Gotha, Reisen, Krankheiten, soziale Netzwerke etc. Zudem bieten sie Aufschlüsse für diverse jüngere Forschungszweige: zu Sprach- und Schriftkompetenzen des Bürgertums um 1800, speziell auch auf weiblicher Seite, oder zur Prä­gung jener Gesellschaft durch die sozialen Nahbeziehun­gen zwischen Dienerschaft und Herrschaft; lexikalisch sind sie eine Quelle für umgangssprachliche französische Ausdrücke der Kasseler Stadtmundart.

Die Kommentierung der Briefe erfolgt auf dem jüngsten Stand der aktuellen Briefforschung. Speziell mit Blick auf die Grimm-Forschung werden dabei u. a. folgende Fragen bearbeitet: Welche Rollen nahmen die älteren Verwandten ein, wie suchten sie Jacob und Wilhelm zu prägen oder zu fördern, welche Werte oder Kontakte wurden vermittelt? Wie stellten sich die Brüder ihnen gegenüber dar, wie schrieben sie untereinander über die Verwandten? Inwiefern erlauben die Briefe Korrekturen bisheriger Annahmen über die Kinder- und Jugendjahre der Brüder, deren Rekonstruktionen sich bislang v. a. auf deren Selbstzeugnisse stützten (weil eben die Verwand­tenbriefe nicht forschungszugänglich waren)? Wie kön­nen Überlieferungslücken der Briefe erklärt werden (evtl. bewusst aus dem Archiv entfernte Dokumente, weil sich darin eine familiäre Disharmonie zeigte)?

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