Eine Grundlagentheorie des Wartens
Gibt es einen allgemeinen Inhalt und eine allgemeine Form der Warteerfahrung? Wie konstituiert sich ein Warteziel im Bewusstsein des Wartenden? Ist die Warteerfahrung als solche negativ oder positiv besetzt, ist sie neutral?
Ziel des Projektes ist die transdisziplinäre Erstellung einer Grundlagentheorie des Wartens. Eine solche Theorie soll das Warten als eine fundamentale menschliche Erfahrung wertneutral beschreiben und dabei die verschiedenen Teilaspekte des Wartens zusammenzuführen, wie sie in einzelwissenschaftlichen Studien beleuchtet werden. Hierbei berücksichtigt Dr. Göttlich funktionale Gesichtspunkte ebenso wie dysfunktionale – z. B. Warten als positive Tugend, die zu mehr Erfolg im Leben führt (Psychologie); Warten als Chance, zum authentischen Dasein vorzudringen (Philosophie); Warten als systemische Dysfunktionalität (Soziologie).
Grundlegend für das Projekt ist die Annahme, dass es sich beim Warten um eine allgemeinmenschliche Erfahrung handelt, dass – mit anderen Worten – jenseits der sehr unterschiedlichen Konstruktionen des Wartens, die zwischen Gesellschaften und historischen Epochen variieren, ein konstitutiver Kern desselben existiert. Die intendierte Theorie soll in diesem Sinne die allgemeinen und universalen Charakteristika des Wartens herausarbeiten, auf denen die lediglich akzidentiellen und partikularen Zuschreibungen basieren.
Die zentralen Fragen des Projektes lauten daher: Gibt es einen allgemeinen Inhalt und eine allgemeine Form der Warteerfahrung? Wie konstituiert sich ein Warteziel im Bewusstsein des Wartenden? Ist die Warteerfahrung als solche negativ oder positiv besetzt, ist sie neutral? Welches sind die spezifischen Unterschiede zu entgegengesetzten Phänomenen wie dem „Wirken“ aber auch zu verwandten Phänomenen wie dem „Pausieren“?
Die Beantwortung dieser Fragen soll in eine phänomenologische Beschreibung der Warteerfahrung münden. Diese soll erstens als gemeinsame Bezugsgröße einzelwissenschaftlicher Perspektiven dienen und auf diese Weise den Erkenntnisaustausch zwischen den Fachdisziplinen (u.a. Soziologie, Theologie, Psychologie, Ethnologie, Kommunikationswissenschaft, Philosophie) erleichtern. Zweitens soll sie helfen, dem Ethnozentrismus-Problem zu begegnen, mit dem empirische Fallstudien prinzipiell konfrontiert sind, insofern konkrete Diskurse und Praktiken des Wartens kulturspezifischen Mustern folgen. Dabei soll eine grundlegende Theorie des Wartens zum einen vor der falschen Universalisierung partikularer Wertungen bewahren (wie etwa der westlich-modernen Geringschätzung des Wartens) und zum anderen zur Vorsicht angesichts übereilter Zeitdiagnosen (wie etwa die These, der moderne Mensch habe das Warten verlernt) mahnen. Die Grundlagentheorie des Wartens soll somit nicht bloß Theoretiker ansprechen, sondern zugleich Wissenschaftler mit einem Interesse an der empirischen Erforschung des Phänomens.
Mittel zur Gewinnung der angestrebten Theorie ist die phänomenologische Analyse. Bei der Erforschung des Wartens orientiert sich Dr. Göttlich daher an den von Edmund Husserl vorgeschlagenen Methoden der „epoché“ sowie der „eidetischen“ und der „empirischen Variation“.