The Temple of Isis at Berenike. Global Connectivity on the Edge of the Roman Empire
Nachdem Ägypten im 1. Jahrhundert v. Chr. dem römischen Herrschaftsbereich einverleibt worden war, wurden die am Roten Meer gelegenen Häfen Myos Hormos und Berenike zu Drehscheiben des Fernhandels ausgebaut.
Etwa zur gleichen Zeit, als die Seidenstraße für den globalen Handel immer bedeutender wurde, investierten die Römer in eine Seeroute, die über Arabien und Afrika bis nach Indien reichte. Die in den Häfen stationierten Beamten des Reiches sollten die Handelsströme kontrollieren und über Karawanenzüge und Schiffspassagen bis nach Rom weiterleiten. Der wichtigste Hafen gehörte zu der unter Ptolemaios II. 275 v. Chr. gegründeten Stadt Berenike. Der Hafen war bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch, bevor er schließlich versandete. Mit dem Osthandel kamen fremde Menschen, Ideen und religiöse Praktiken in die Stadt, die sich in den Hinterlassenschaften vor allem im Bereich des Tempels niedergeschlagen haben.
Einschlägige Feldforschungen rund um das Zentralheiligtum der Stadt, die in den Jahren 2015 und 2018 durchgeführt wurden, lassen vermuten, dass der im Kern auf die hellenistische Periode zurückgehende Serapis-Tempel aus archäologischer Sicht eines der spannendsten Heiligtümer des römischen Ägypten sein könnte, zumal bereits jetzt schon gute Gründe vorliegen, wonach in dem Heiligtum nicht Serapis – wie seit dem 19. Jahrhudert vermutet wurde –, sondern Isis verehrt wurde. Im Rahmen der Studie werden daher der bereits ergrabene Tempel samt Vorplatz komplett freigelegt und – genau wie die aufgefundenen und im Verlauf zukünftiger Feldforschung noch aufzufindenden Inschriften, Keramiken und Statuen – gegen den weiteren Verfall konservatorisch gesichert. Das Fundmaterial wird beschrieben, fotografiert, dokumentiert; die Ergebnisse der Untersuchung werden in einer Filemaker-Datenbank archiviert, so dass Querbezüge hergestellt werden können.
Von besonderem Interesse ist der Vorplatz (9 x 20 m), da er im Gegensatz zum Rest des Tempels – wie überall in Ägypten – öffentlich zugänglich war und sowohl Schauplatz öffentlich inszenierter Frömmigkeit war, den Kaiser, Könige und Beamte wohl zu nutzen wussten, als auch ein Bereich privater Andacht, der Stadtbewohner und durchreisende Händler in die Kultpraxis einbezog. An Ort und Stelle wurden bereits Stelen und Statuen königlicher und imperialer Provenienz sowie Inschriften und Votivgaben von Gläubigen geborgen, die entweder aus der Region stammten oder auf der Durchreise waren. Die mit Widmungsinschriften versehenen Objekte bezeugen eine intensive Nutzung des Platzes von der Herrschaft des Claudius (41-54 n. Chr.) bis zur Herrschaft des Gallus Volusianus (251-253); sie spiegeln materiellen Wohlstand und kulturelle Vielfalt und geben einen einzigartigen Einblick in das Treiben einer interkulturellen Kontaktzone zwischen Orient und Okzident. So war der Platz nicht nur Austragungsort religiöser Handlungen, sondern auch Begegnungsstätte unterschiedlicher Gruppen am äußersten Rand des Reiches.
Abgesehen vom Vorplatz des Tempels untersuchen die Wissenschaftler auch die Architektur und das Innere des Tempels. Struktur und Ausstattung mit ägyptischen Reliefs und Hieroglyphen von ausgesuchter Qualität stammen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Dabei wird das Augenmerk auf frühere Nutzungsphasen, insbesondere auf die ptolemäische Zeit gerichtet, um Kontinuitäten und Brüche in der Kultpraxis und funktionellen Verbindungen zu anderen Tempeln in Ägypten ausmachen zu können. So ist zu vermuten, dass es Verbindungen zwischen dem Isis-Kult in Berenike und in Koptos am Ostufer des Nils gegeben hat. Zu klären ist, worin die religiöse Bedeutung des Isis-Tempels von Bernike bestand und wodurch er sich von anderen Isis-Tempeln in und außerhalb von Ägypten unterschieden hat.