Funding Funded Projects Friedrich Gundolfs Literaturgeschichte – Rekonstruktion aus den Heidelberger Vorlesungen im Londoner Nachlass

Friedrich Gundolfs Literaturgeschichte – Rekonstruktion aus den Heidelberger Vorlesungen im Londoner Nachlass

Fachgeschichtlich steht Friedrich Gundolf als maßgeblicher Stichwortgeber für die Wende von Historik und Philologie zu einer geistesgeschichtlich orientierten Literaturbetrachtung.

Friedrich Gundolf (1880–1931) gehörte seit 1899 zu den engsten Vertrauten von Stefan George; seit 1911 lehrte er Germanistik in Heidelberg, ab 1920 als erster Ordinarius für Neuere Deutsche Literatur. In der Weimarer Republik zählte er – mit zahlreichen Auflagen seiner Werke – zu den breitest rezipierten Akademikern Deutschlands. Seine Vorlesungen, die er in Heidelberg bis zu seinem Tod hielt, zogen – neben namhaften Philologen der Folgegeneration – überdurchschnittlich viele und intellektuell hochrangige Hörer an: Hannah Arendt, Ernst Kantorowicz, Claus Schenk von Stauffenberg u. a. Fachgeschichtlich steht Gundolf als maßgeblicher Stichwortgeber für die Wende von Historik und Philologie zu einer geistesgeschichtlich orientierten Literaturbetrachtung. Seine Vorlesungen sind hierfür insofern speziell aufschlussreich, weil Gundolf sie für Wiederholungen in späteren Semestern überarbeitete, sodass sie Veränderungen seiner Positionen im wissenschaftlichen und weltanschaulichen Kontext seiner Zeit spiegeln und – in ihrer jeweiligen Verwendung zentraler Termini (Geistes-, Ideen-, Bildungsgeschichte) – unterschiedliche Historiographiekonzepte und Paradigmenwandelprozesse hervortreten lassen.

Die Vorlesungsskripte bilden den wichtigsten Teil von Gundolfs Nachlass (der durch rechtliche Bestimmungen in der Senate House Library in London gehalten wird, wo aber Kapazitätsengpässe seine Erschließung behindern): ca. 4.200 Seiten autographe oder in wenigen Fällen diktierte, ausformulierte Reinschriften, die in schlechtem Zustand und bestandsgefährdet sind. Unter anderem aufgrund der schlechten Zugänglichkeit der Manuskripte wurde in bisheriger Forschung auf die wirkungsgeschichtliche Bedeutung seiner Vorlesungen zwar hingewiesen, diese ist aber noch nicht systematisch erforscht oder nachgewiesen; bis vor kurzem existierte nur ein erster Bericht über das Inventar und ein unzureichendes, fehlerhaftes Verzeichnis der Bestände.

Dr. Redl erarbeitet deshalb im Rahmen des Projekts eine kritische Edition dieser Vorlesungen, die auch eine Rekonstruktion von Gundolfs Geschichte der deutschen Literatur bilden wird: da sich die Vorlesungen nach Jahrhunderten chronologisch anordnen lassen, vom 16. bis zum 19./20. Jahrhundert, von Luther bis George. Die Ausgabe verspricht eine Basis für die künftige Forschung zu Gundolf, zum George-Kreis, zur germanistischen Fachgeschichte und Methodologie, zur deutschen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts und zu Interdependenzen und Konstellationen im intellektuellen Feld der Moderne.

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