Neuedition der Fragmente des Nibelungenliedes
Eine Neuedition ist durch die Wiederentdeckung von Kriegsverlusten, durch
Facsimilia und vor allem, weil ein großer Teil der Fragmente inzwischen als Digitalisat
vorliegt, leichter möglich als noch vor wenigen Jahren.
Mit der Wiederentdeckung des „Nibelungenliedes“ im 18. Jahrhundert begannen auch die Fragen seiner Überlieferungsgeschichte, die später in erbitterte Kontroversen der Editionsgeschichte mündeten. Die Editionen kreisten zunächst um die drei ältesten vollständigen Handschriften, A (Hohenems-Münchener), B (St. Gallener) und C (Hohenems-Donaueschinger, heute in Karlsruhe). Basis der meisten Forschungsbeiträge ist bis heute eine Ausgabe von B, die jedoch einen Mischtext enthält, der so nirgends überliefert ist. Das Spektrum komplizierte sich zusätzlich durch die Editionen der sog. kontaminierten Handschriften, die Merkmale der Handschriftengruppen *AB bzw. *C mischen. Zum aktuellen Forschungsstand gehören die Einsichten, dass die Erstellung eines Handschriftenstemmas oder eine Annäherung an einen der Gesamtüberlieferung zugrundeliegenden ‚Archetyp‘ nicht möglich ist, dass zudem die Dominanz zweier Überlieferungsgruppen (*AB, *C) überprüft oder revidiert werden muss und dass die Überlieferung insgesamt ein hohes Maß an Varianz aufweist, sowohl in Bezug auf konzeptionelle Fragen als auch im Bereich der sog. ,iterierenden‘ Varianten.
Das Varianzspektrum ist sogar noch wesentlich breiter als vormals vermutet und wird in der Editionspraxis bis dato verdeckt, so dass die Überlieferungsgeschichte in weiten Teilen neu zu schreiben ist. Für diese Langzeit-Aufgabe möchte Prof. Müller mit diesem Projekt einen unverzichtbaren Baustein liefern: eine Neuedition der Fragmente des „Nibelungenlieds“, auf deren Grundlage die Fragmente möglichst präzise in der Überlieferungsgeschichte verortet werden können. Die Voraussetzungen für eine solche Ausgabe sind – dank fertiggestellter Editionen der nahezu vollständigen und der kontaminierten Handschriften, Wiederentdeckungen von Kriegsverlusten und aktuelle Digitalisierungsmöglichkeiten – jetzt günstiger als je zuvor. Von einer solchen Edition erwartet Prof. Müller zwar keine spektakulären konzeptionellen Varianten, wohl aber insofern ertragreiche Einsichten, als sich seines Wissens gerade an den Fragmenten das Ausmaß an Varianz in der Überlieferungsgeschichte ersehen lässt.
Die Ergebnisse werden zunächst in einer Printausgabe präsentiert, doch wird das Material elektronisch so aufbereitet, dass es später digitalisiert als Grundlage für die Revision der Gesamtüberlieferungsgeschichte zur Verfügung steht.