Die Wende zum Skeptizismus aus dem Geist des Glaubens. Gianfrancesco Pico della Mirandolas „Examen vanitatis doctrinae Gentium et veritatis Christianae disciplinae“ (1520): Edition, Einleitung und Übersetzung. Rezeptionsgeschichtliche Studie dieses Werkes bis hin zu Pierre Gassendis „Exercitationes paradoxicae adversus Aristoteleos“ (1624)
Während Gianfrancesco Pico della Mirandola mit dem „Alten für den Glauben“ aufräumen wollte, war es Pierre Gassendis Ziel, etwas „Neues“ an dessen Stelle zu setzen: nicht mehr den Glauben, sondern einen „neuen Vernunftgebrauch“ und eine „neue Methodik“, die auf einer neuen mechanistischen Physik beruhte.
Ziel des Forschungsprojektes ist zum einen die Edition und deutsche Übersetzung des „Examen vanitatis doctrinae Gentium et veritatis Christianae disciplinae“ (1520) Gianfrancesco Pico della Mirandolas, eines der Schlüsseltexte für das Verständnis der antiaristotelischen und skeptischen Debatten der Renaissance des 16. Jahrhunderts, in denen Gianfrancesco Pico della Mirandola erstmals die skeptischen Schriften des Sextus Empiricus (ca. 160-210 n.Chr.) in die Schriftwelt der Renaissance eingeführt hat, um die Nichtigkeit der Philosophie gegenüber der christlichen Offenbarung nicht mit Glaubensgrundsätzen, sondern mit philosophischen Argumenten zu begründen.
Zum anderen soll in einer auf dieser Edition und Übersetzung aufbauenden rezeptionsgeschichtlichen Studie die Bedeutung dieses grundlegenden skeptischen Werkes für die Philosophie der Frühen Neuzeit dargestellt werden, die darin besteht, dass Gianfrancesco Pico della Mirandola (ähnlich wie Martin Luther) die Errungenschaften des mittelalterlichen Aristotelismus wie auch des Renaissancehumanismus generell in Frage stellt, um Raum für eine „fideistische Skepsis“ zu schaffen, die nicht in der Vernunft, sondern nur im christlichen Glauben letztgültige Wahrheiten sucht.
Dr. Egel möchte zeigen, dass Gianfrancesco Pico della Mirandola damit systematisch und in bis dahin nicht gekannter Weise mit den Ansichten seiner humanistischen Vorgänger bricht und so – von ihm freilich nicht intendiert, aber philosophie- und wissenschaftshistorisch bedeutsam – in einer paradoxen Folgewirkung Raum
für eine „neue“ Weltsicht und eine aus dem Geist der „fideistischen Skepsis“ gewonnene wissenschaftliche Methodik schafft, wie sie durch den Zirkel um Pierre Gassendi, Marin Mersenne, René Descartes und Thomas Hobbes für die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts prägend werden sollte. Der eigentliche Fokus dieses Teils der Arbeit liegt auf der Rezeption des „Examen vanitatis“ durch Pierre Gassendi (1592-1655). Denn durch diesen Philosophen erhält die Skepsis, wie sie durch Gianfrancesco Pico della Mirandola formuliert worden war, eine andere Stoßrichtung, die für die moderne Philosophie grundlegend werden sollte. Gianfrancesco Pico della Mirandola wollte mit dem „Alten für den Glauben“ aufräumen, Pierre Gassendi wollte etwas „Neues“ an dessen Stelle setzen: nicht mehr den Glauben (der nach hundert Jahren Glaubensstreitigkeiten fraglich geworden war), sondern einen „neuen Vernunftgebrauch“ und eine „neue Methodik“, die auf einer neuen mechanistischen Physik beruhte. Dr. Egel erwartet, dass durch die rezeptionsgeschichtliche Untersuchung die historische Relevanz des „Examen vanitatis“ Gianfrancesco Pico della Mirandolas für die frühneuzeitliche Wissenschafts- und Philosophiegeschichte herausgestellt und das Verhältnis zwischen Fideismus, Rationalismus und Skepsis neu definiert werden kann.