Funding Funded Projects Der verdichtete Raum. Sprache, Text und weltanschauliches Wissen in deutschsprachigen Zukunftsromanen der 1920er und 1930er Jahre

Der verdichtete Raum. Sprache, Text und weltanschauliches Wissen in deutschsprachigen Zukunftsromanen der 1920er und 1930er Jahre

Im Deutschland der 1920-30er Jahre florierte mit hohen Auflagenzahlen ein Genre, das die Forschung unter dem Begriff „Zukunftsroman“ fasst.

Unter der Annahme, dass Literatur an der Produktion gesellschaftlicher Bilder teilhat und selbst Wissen erzeugt, wird im Rahmen des Projekts eine diskurs- und wissenstheoretische Analyse der Romane zur Mentalitätsge-schichte der Zwischenkriegszeit in Beziehung gesetzt, um dadurch zu ermitteln, wie in jenem Genre damalige weltanschauliche Perspektiven und Dispute oder politische Diagnosen eine publikumswirksame Verdichtung erfuhren, inwiefern Ordnungsideen und -entwürfe der Zwischenkriegszeit bearbeitet und/oder zur Durchsetzung popularisiert wurden und inwiefern aus den Texten Zukunftserwartungen rekonstruierbar sind, in die dann der Nationalsozialismus als politische Ant¬wort einrückte.
Zunächst wird eine umfangreiche Korpusstudie durchgeführt, mit vergleichenden Ausblicken auf bildende Kunst, Film, Hörfunk und exemplarische Texte aus Philosophie, Psychologie, Soziologie, Anthropologie etc. Nach der Zusammenstellung des Korpus wird es zunächst literatursoziologisch verortet: mit Blick auf die Autoren (Alters- und Geschlechterverteilung; Stellung der Zukunftsromane in ihrem Werk etc.), die Verlage (Profile, Affinitäten zu politischen Strömungen) und die Verbreitung (Auflagenzahlen, Rezensionen, Adaptionen in anderen Medien). Danach wird das Korpus gattungsseriell auf typisierbare Zukunftsentwürfe, Raum-, Zeit-, Figuren-, Körper- und Genderkonzepte, Handlungsfügungen, Stilmittel und v. a. auf Aspekte von Erzählsituation und Erzählstimme analysiert. Anschließend werden in dem Korpus narrative Muster und Sequenzen sowie ihnen zugrundeliegende Argumentationscluster eruiert.
Vor allem dieser Schritt ist für das Projekt zentral: Es will nicht nur bisherigen genreorientierten Zugriffen auf das Korpus eine narrationsorientierte Annäherung entgegensetzen (u. a. weil die Texte ein dominantes Interesse an der Narration und weniger am wissenschaftsfiktionalen Zukunftsbild zeigen), sondern geht v. a. davon aus, dass Literatur keine direkte Spiegelung von Realität oder Wissenskulturen ist, sondern dass ihre Produktion und Rezeption einerseits von ästhetischer und gesellschaftspolitischer Intentionalität geleitet und andererseits maßgeblich von einer Schemastrukturiertheit von Wahrnehmung/Erfahrung und Denken bestimmt ist. Für die eruierten Bilder von Wirklichkeit und Zukunft wird also nach ihnen zugrundeliegenden schemabasierten Argumentationen (als Verknüpfungen zeitgenössischer Wissensbereiche) gesucht. Insbesondere gilt die Aufmerksamkeit dabei der Konstruktion von Risiken und der Frage, wie jene Bilder und Argumentationen narrativ gestaltet werden.
Fußend auf der Korpusstudie werden dann weitere Auswertungen vorgenommen: eine rezeptions- und diskursgeschichtliche Analyse; eine Beleuchtung der Zukunfts-Relevanz der Entwürfe, wobei v. a. textinterne Relevanzkonstruktionen verfolgt und für Rückschlüsse auf die Durchsetzungsprozesse von Wissensschemata genützt werden; eine ideologiegeschichtliche Analyse, die erneut nicht auf einen direkten Nexus der literarischen Bilder und Argumente mit Ideologemen zielt, sondern – als Überführung in einen wissenstheoretischen Ansatz – beobachtet, wie Kontingenz konstruiert wird und für welche prognostizierten Entwicklungen. Schließlich wird der wissenstheoretische Ansatz selbst verfolgt und die Texte werden in einer Verschränkung der sozialen und der semiotischen Ebene als semantische Repräsentationen gesellschaftlicher Wissensordnungen gelesen.

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