Femicide: gender-critical legal analysis and comparative study of Russia and Germany
Die Tötung von Frauen durch Partner oder Familienmitglieder stellt weltweit nach wie vor eine der gravierendsten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt dar.
Femizide, also die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts, werden zwar zunehmend als eigenes soziales und rechtliches Phänomen anerkannt, sind aber insbesondere in vergleichender Perspektive noch wenig systematisch untersucht. Die weitestgehende Beschränkung bisheriger Forschung auf wirtschaftlich gut situierte, englischsprachige Länder bringt methodische und epistemologische Einschränkungen mit sich. Bestehende empirische Studien konzentrieren sich außerdem überwiegend auf Risikofaktoren sowie auf Täter- und Opfermerkmale. Die staatliche, strafrechtliche Reaktion auf Femizid ist dagegen kaum erforscht.
Hier setzt Dr. Usanova an und führt eine geschlechterkritische Rechtsanalyse und einen Vergleich der staatlichen Reaktion auf Fälle von Femizid in Russland und Deutschland durch. Untersucht wird, wie Ermittlungspraktiken, strafrechtliche Einordnung und Strafzumessung in Femizidverfahren im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten durch patriarchale Geschlechterstereotype und Rollenzuschreibungen beeinflusst werden.
Es wird untersucht, ob juristische Handlungsmuster über Regimetypen hinweg konvergieren.
Die Forschungsfragen lauten: Worin unterscheiden sich partnerschaftliche Tötungsdelikte (Femizide) von anderen vorsätzlichen Tötungen hinsichtlich der Umstände vor der Tat, Opfer- und Täterprofile in Russland und Deutschland? Wie fallen Strafen für Femizid im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten aus? In welchem Ausmaß beeinflussen Geschlechterstereotype die Einstellungen von Richtern und Staatsanwälten gegenüber Opfern von Femiziden?
Die zentrale Hypothese lautet, dass das Fortbestehen von Femizid in demokratischen wie autoritären Kontexten in Teilen auf im Rechtsdenken eingebettete Geschlechterstereotype zurückzuführen ist, besonders im Hinblick auf die Bewertung von Opfer und Täter. Das politische Regime stellt dabei keinen entscheidenden Einflussfaktor dar.
Das Projekt baut theoretisch auf feministischen Rechtstheorien auf. Gesetz wird hierbei nicht als neutrales Normsystem verstanden, sondern als Produkt historisch begründeter Hierarchien. Das Strafrecht entwickelte sich vor allem aus männlichen sozialen Praktiken und marginalisiert Taten und Gefahren, die hauptsächlich Frauen betreffen, besonders Gewalt in intimen Beziehungen. Des Weiteren baut das Projekt auf drei Ansätzen auf: der „Focal Concerns Theory“ zur Analyse richterlicher Entscheidungsprozesse; der „White Male Justice Theory“ zur Untersuchung der zurückhaltenden Kriminalisierung von Gewalt gegen Frauen sowie der „Patriarchal Legal Theory“ zur Analyse des Verhältnisses von Recht und Geschlecht.