Religionen, Religiosität und religiöse Konflikte in der Schule
Toleranz und Akzeptanz gegenüber „Religion“ haben bundesweit an Zustimmung verloren, man kann von einer „Ablehnung“ reden, die primär „den Muslimen“ ge-genüber vorherrscht, ohne dass dabei faktische Religionszugehörigkeit oder persönliche Religiosität eine Rele¬vanz haben.
Insbesondere in jüngeren Bevölkerungsgruppen stellt der Islam innerhalb einer großen religiösen Diversität die größte religiöse Minderheit in Deutschland dar, und so sind muslimische Jugendliche in Klassenzimmern überrepräsentiert. Da ihre Religionspraktiken zudem deutlich sichtbarer sind als die nichtmuslimischer Schüler, werden sie im säkularen Bildungssystem Deutschlands viel stärker wahrgenommen und erfahren seit Jahren mediale, politische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Diese ist jedoch überwiegend problemorientiert und fokussiert meist die Perspektiven der Lehrkräfte, pädagogische Herausforderungen ob des religiösen Verhaltens der Schüler und Radikalisierungsprävention.
Hier setzen Prof. El-Mafaalani und Dr. Kemper mit ihrem explorativen Projekt an und leisten einen Beitrag zum lückenhaften Forschungsstand zu Religionszugehörigkeit, -ausübung und damit verbundenen Konflikten in Schulen in Deutschland aus der Sicht von Jugendlichen und somit zum Verständnis religiöser Vielfalt und Konfliktdynamiken im deutschen Bildungssystem. Konkret werden die tatsächlichen Religionszugehörigkeiten und die individuellen religiösen Bedarfe aus der Betroffenenperspektive von Schülerinnen und Schülern bezüglich religiös begründeter Konflikte in der Schule erfasst.
Die zwei Forschungsfragen lauten: Welche Religionszugehörigkeiten haben Schülerinnen und Schüler? Welche religiösen Bedarfe haben Schülerinnen und Schüler und welche Konflikte im Kontext von Religion und Schule nehmen sie wahr?
In einem ersten Modul werden erstmalig eine systematische Prüfung und Auswertung amtlicher Daten zu Religionszugehörigkeiten von Schülerinnen und Schülern in Nordrhein-Westfalen (NRW) durchgeführt, ergänzt um eine quantitative Befragung von Jugendlichen zu ihrer (Nicht-)Religiosität, Religionsausübung und damit verbundenen Spannungen und Konflikten in der Schule in NRW und Hamburg.
Neben der Datenlage weist NRW bundesweit die höchste absolute Zahl muslimischer Einwohner auf und ermöglicht durch die heterogene regionale Verteilung von Jugendlichen religiöser Minderheiten eine systematische Analyse kontextueller Einflüsse. Hamburg bietet als Stadtstaat mit einem der höchsten prozentualen Anteile für die muslimische Bevölkerung ein kontrastives urbanes Umfeld und gehört zudem zu den wenigen Bundesländern mit Staatsverträgen mit mehreren Religionsgemeinschaften.
In einem zweiten Modul werden parallel Leitfadeninterviews mit Schlüsselpersonen in Religionsgemeinden verschiedener religiöser Minderheiten durchgeführt, insbesondere mit Blick auf von ihnen wahrgenommene Spannungen und Konflikte im Zusammenhang mit der Religionsausübung von Jugendlichen ihrer Gemeinden während der Schulzeit. Der Fokus liegt dabei ebenfalls auf muslimischen Religionsgemeinschaften in NRW und Hamburg.