The sense of reality in perception: An intersubjective approach
Wenn wir die Welt wahrnehmen, erleben wir eine Vielzahl von Wahrnehmungsinhalten. Wir sehen Formen, Farben und Bewegung, erleben Texturen durch Berührung und hören das Timbre der Töne. Aber Wahrnehmung ist mehr als sensorische Inhalte: Wir haben auch das Gefühl, dass die Dinge,
die wir wahrnehmen, real sind und nicht etwa nur vorgestellt oder illusorisch. Aber woher kommt das subjektive Gefühl, die Welt so wahrzunehmen, wie sie wirklich ist?
Das „Realitätsempfinden“ („sense of reality“) in der Wahrnehmung wird oft für selbstverständlich genommen, aber für Personen, die an neurologischen Störungen leiden, wie Derealisation und Schizophrenie, kann die Fähigkeit, selbst erzeugte Reize von denen zu unterscheiden, die durch die reale Umgebung ausgelöst werden, eingeschränkt sein. In vielen Situationen können auch gesunde Menschen von ihren Sinneswahrnehmungen getäuscht werden (z. B. Halluzinationen). Deshalb ist das Verständnis der Mechanismen, die dem „Realitätsempfinden“ zugrunde liegen, und der Faktoren, die sie modulieren, wichtig.
In jüngster Zeit haben sich Forschende in mehreren Disziplinen, darunter Philosophie, kognitive Neurowissenschaften und Psychiatrie, auf unterschiedliche Weise dem „Realitätsempfinden“ in der Wahrnehmung angenähert. Die meisten vertreten dabei einen individualistischen Ansatz. Viele Wahrnehmungserfahrungen sind jedoch nicht nur individuell, sondern „gesellschaftlich geteilt“: Säuglinge lernen, zu sehen, wo andere suchen, Ärzte bewerten gemeinsam medizinische Scans, um Tumore zu erkennen, Musiker erleben gemeinsam die Musik, die sie spielen. Das Projekt zielt darauf, die Zusammenhänge zwischen der perzeptuellen Verarbeitung eines Individuums und der breiteren sozialen und intersubjektiven Struktur zu untersuchen, in der diese Prozesse eingebettet sind,
und zu beleuchten, wie wir „gemeinsam“ eine reale und objektive Welt erleben.
Im Rahmen des Forschungsprojekts werden folgende Untersuchungsschwerpunkte gesetzt:
Zunächst wird das „Realitätsempfinden“ als phänomenaler Bestandteil der Wahrnehmung systematisch und empirisch dargestellt und von verwandten Phänomenen begrifflich abgegrenzt. Dazu zählen etwa die „veridische“ Realitätswahrnehmung (korrekte, der tatsächlichen Außenwelt entsprechende Sinneswahrnehmung); die „mentale Bildsprache“ (bewusste oder intuitive Nutzung von Bildern, Symbolen und inneren Vorstellungen als eine Form visueller Kommunikation); die Phantasie sowie die breite Palette fehlgeleiteter Wahrnehmungen (Illusionen, Halluzinationen, Träume etc.). Darüber hinaus werden die Beziehungen zwischen dem phänomenalen „Realitätsempfinden“ und dem kognitiven Urteil, dass etwas real ist, zwischen dem „Realitätsempfinden“ und dem allgemeinen Bewusstsein und zwischen dem „Realitätsempfinden“ und anderen unbewussten „metakognitiven“ Gefühlen (z. B. Vertrauen) erläutert.
In einem weiteren Schritt werden die intersubjektiven Voraussetzungen des „Realitätsempfindens“ herausgearbeitet werden. Hier wird geprüft, ob das Teilen gemeinsamer Wahrnehmungserfahrungen eine notwendige psychologische und logische Bedingung für die Fähigkeit des Einzelnen ist, die Welt als real zu erleben. Können wir voraussetzungslos und vollkommen eigenständig ein „Realitätsgefühl“ entwickeln? Oder ist intersubjektive Erfahrung eine Bedingung der Möglichkeit für Wissen von externen Objekten (Husserl)?
Schließlich werden die theoretischen Auswirkungen des intersubjektiven Ansatzes auf den „Realitätssinn“ in einer Fallstudie untersucht, die sich auf technologievermittelte Wahrnehmungserfahrungen (VR: Virtual Reality; AR: Augmented Reality) konzentriert. VR- und AR-Technologien sind inzwischen in der Lage, sensorische Aspekte der menschlichen Wahrnehmung inklusive Wahrnehmungs-Handlungs-Zyklen weitgehend zu replizieren. Dabei entsteht eine Dissoziation zwischen dem Wissen um die künstliche Umgebung und dem körperlichen Gefühl von Realität: Nutzer reagieren reflexartig, obwohl sie um die Virtualität wissen. VR/AR bieten daher neue Ansätze, um den Einfluss sozialer Faktoren auf die Wahrnehmung zu erforschen.