Die Wiener Reichskrone und ihre Repliken: Goldschmiedekunst zwischen Mittelalter und Moderne
Die Reichskrone zählt zu den bedeutendsten Objekten der Wiener Schatzkammer.
Als vermeintliche Krone Karls des Großen ist sie untrennbar mit dem Imaginarium des Heiligen Römischen Reiches verbunden, obwohl Herstellungsort, Datierung, Funktion und ursprüngliche Gestalt ebenso umstritten sind wie ihre theologischen und politischen Deutungen weitreichend. Zudem vereint das durch Gebrauch, Verluste und Reparaturen vielfach veränderte Objekt mehrere Zeitschichten: Teile der emailverzierten Platten haben möglicherweise ursprünglich einem anderen Goldschmiedewerk angehört, der Bügel wurde sekundär aufgesteckt, die Halterung des Stirnkreuzes erscheint improvisiert, und vermutlich spätmittelalterliche Eisenbänder halten die Krone in ihrer heutigen Form zusammen.
Eine detaillierte Objektgeschichte fehlt bis heute, da die Faszination möglicher Herrscherverbindungen den Blick auf das komplexe Objekt nicht selten verstellt. Es mangelt darüber hinaus an einer eigenständigen Auseinandersetzung mit den zahlreichen Repliken, die im Zuge der politischen Instrumentalisierung der Krone durch Monarchien, Diktaturen und Demokratien seit dem 19. Jahrhundert angefertigt wurden und das Original als Verkörperung der Reichsidee vornehmlich in Ausstellungskontexten vertraten.
Das Projekt CROWN am Kunsthistorischen Museum Wien (2022–2025) hat mit der systematischen Analyse von Materialien, Techniken, Inschriften und Bildquellen eine neue Forschungsgrundlage geschaffen; zentrale Aspekte zur Objektgeschichte und zur Rezeption der Krone sind dabei jedoch ausgeklammert worden.
Mit der in zwei Teilbereiche gegliederten Studie sollen die Forschungslücken geschlossen werden: Im kunsthistorischen Teil werden die Goldschmiedetechniken
und Schmuckformen der Reichskrone im Kontext der europäischen Goldschmiedekunst des Mittelalters und nachmittelalterlicher Restaurierungspraktiken untersucht. Die Krone wird ohne Vorannahmen zu Datierung oder Herrscherzuweisung als gewachsenes Objekt verstanden, dessen Aussagekraft sich gerade aus Gebrauch, Reparaturen und Veränderungen ableiten lässt. Ziel ist eine erstmals umfassende Objektgeschichte.
Im historischen Teil werden die Repliken erstmals systematisch als eigenständige Forschungsobjekte analysiert: Wer hat sie in welchen Kontexten in Auftrag gegeben, welche Narrative transportiert sie und inwiefern wurden sie instrumentalisiert (Propaganda, Regionalmarketing etc.). Neben stilkritischen Analysen werden Materialvorgaben und Werkstattpraxis ebenso mitgedacht wie die räumliche Dimension anhand von Vergleichsobjekten in Italien und die Frage nach der Weitergabe technischen Wissens.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Reichskleinodien kanonisiert wurden und wie die Krone gegenüber anderen Stücken an Bedeutung gewonnen hat. Dabei werden bisherige Narrative dekonstruiert und eine neue Forschungsgrundlage geschaffen.