Die Tempel in Assiut
Die mittelägyptische Stadt Assiut, etwa 400 Kilometer südlich von Kairo gelegen, verdankt ihre historische Bedeutung der strategischen Position an den Karawanenwegen zu den Oasen Dachla und Charga. Begünstigt durch die natürliche Barriere der Stromschnellen des Gebel Abu el-Feda, ist der Stadt sowohl in der Antike als auch noch im 19. Jahrhundert eine herausragende Rolle als Grenz- und Wächterposten zugekommen. Texte, Bildwerke und Handwerkserzeugnisse aus Assiut galten über Jahrtausende als Maßstäbe ägyptischer Hochkultur.
Seit 2003 erforscht eine deutsch-ägyptische Kooperation (derzeit Freie Universität Berlin und Universität Sohag) die Nekropole am westlich gelegenen Wüstenberg Gebel Assiut al-gharbi – die antike Stadt selbst jedoch blieb weitgehend im Dunkeln. Verborgen unter den alluvialen Ablagerungen der jährlichen Nilflut und überbaut von dichter moderner Bebauung, entzieht sie sich dem wissenschaftlichen Zugriff: Tempel, Paläste, Wohnbauten, Straßen und weitere Strukturen sind für die Forschung derzeit unerreichbar, zumal archäologische Surveytätigkeiten vom Gouverneurat untersagt wurden.
Die Kenntnisse über die Tempellandschaft speisen sich daher aus indirekten Quellen – Nekropoleninschriften, Inspektoratsakten und geborgenen Architekturfragmenten –, die einen Haupttempel des Stadtgottes Upuaut sowie Tempelbauten für Anubis, Thot, Osiris, Hathor und den vergöttlichten Djefai-Hapi belegen. Eine Schlüsselrolle kommt 83 Tempelblöcken zu, die 1930 konfisziert und 1931 von Sami Gabra publiziert wurden, danach jedoch jahrzehntelang verschollen waren. Erst 2012 tauchten sie im Antikenmagazin von Shutb wieder auf, wo sie offenbar über fünfzig Jahre verschlossen in Kisten lagerten. Die Öffnung der Kisten ergab, dass der Bestand weit umfangreicher ist als Gabras Publikation vermuten ließ.
Die Neu- und Erstbearbeitung dieser Blöcke, kombiniert mit der Auswertung der Inspektoratsprotokolle, der Dokumentation weiterer beschlagnahmter Objekte sowie der Zusammenschau aller verfügbaren Quellen aus Nekropole, Texten und Objekten, verspricht wesentliche neue Erkenntnisse zur Tempellandschaft Assiuts – vom 21. Jahrhundert v. Chr. über das Neue Reich bis hin zur Spätantike. Im Mittelpunkt steht der Upuaut-Tempel, für den sich Bautätigkeiten über mehr als 1.000 Jahre nachweisen lassen: von Cheti II. über Thutmosis III. bis Ramses III.
Prof. Kahl verfolgt mit diesem Vorhaben sechs Ziele: die Publikation der 83 Tempelblöcke; die Dokumentation weiterer Objekte aus dem Upuaut-Areal (zehn Tempelblöcke, zehn spätantike Architekturfragmente, zwei Statuen, 66 Tongefäße, eine Tonfigurine); die Bestimmung und Kartierung der Tempelausmaße anhand der Inspektoratsprotokolle; die Auswertung der Salakhana-Stelen sowie die Bearbeitung von 16 weiteren Stelen aus Shutb; die Zusammenschau aller Quellen zu Tempeln, Personal und Lokalisierung; die Skizze einer Tempelgeschichte von der Ersten Zwischenzeit bis zur spätantiken Umnutzung im 6. Jahrhundert n. Chr.